Donnerstag, 29. Mai 2014

Meinungen


"Sieht der gut aus", raunen wir uns erstaunt zu und sagen es dann auch gleich. Laut und vernehmbar. Und dann noch einmal. "Du siehst aber gut aus!" Und das liegt ...? "Ja, erst wollte er nicht. Aber dann hat er ein Auge auf die eine Pflegerin geworfen", meint die Schwester und lacht. War ja klar. Und seither gibt es also auch Pflege, gar nicht schlecht. Und der Arzt, der uns extra empfohlen wurde, eilt auch am Feiertag durch die großen Hallen direkt auf uns zu und kennt die gesamte Krankenakte auswendig. Und die Laborwerte und weiß auch Rat und hat bereits alles veranlasst. Fast scheint es, als hätten wir endlich ein wenig Glück, einen vernünftigen Arzt im System anzutreffen, das wäre schon ganz großes Glück! In einem ehemaligen Luxushotel. Kaum vorstellbar. Unser Doc hat sich ja längst aus dem Krankensystem verabschiedet, um im Sinne von Gesundheit und Wohlbefinden die Menschen auf Trab zu bringen, im besten Fall lediglich auf ihrem eigenen individuellen Weg energetisch kraftvoll zu unterstützen. Und nun hat uns das Schicksal anscheinend wieder einen vernünftigen Mann gesandt, der sogar mit unserem Patienten zurechtzukommen scheint. Famos! Denkt man, will man hoffen, muss aber dennoch weiterhin aufpassen wie ein Luchs. Denn erste Eindrücke und Meinungen sind allzu oft trügerisch. Vor allem im speziellen Fall, denn unser eigenwilliger Patient wird sich bestimmt noch eine ganze Menge Dinge ausdenken, die uns in Atem halten werden. Aber heute? "Sieht der gut aus!" Freuen wir uns einfach mal.
Und dann? Flugs zu meinem besten Freund. "Mein Patient ist nicht mehr hier? Ja, das weiß ich doch. Aber erstens ist da einiges verschwunden, das könnten wir mal eventuell suchen? Hier, eine kleine Liste, ja, das wäre nett. Und dann wollte ich ..." Aber da steht er ja schon vor mir und begrüßt mich mit meinem Namen. Und das ist natürlich, gerade ich, die keinen Wert auf Namen legt - "Ist doch egal wie du mich nennst, Hauptsache es klingt gut." Und letztens schlug ich Gott vor, "wenn du Milan heißen würdest, das klänge aber auch nicht schlecht", aber auf so einen Unsinn antwortet er erst gar nicht. Na, dann eben nicht. Und trotzdem ist es so eine Sache mit den Namen. Nichts als "Schall und Rauch. Denn das Gefühl ist alles!" Wer behauptete das einst, nein? Es ist anders? In diesem speziellen Fall indes ist es definitiv anders, denn allein die Erinnerung an meinen Namen scheint ein gutes Zeichen. Und dann quatschen wir ein wenig. Und ja, die Konversation verläuft recht oft im Nichts, wie so oft im echten Leben. 
"Eigentlich ein tragischer Fall, so ein junger Kerl ...", sagt der nette Typ, der leider erfolglos nach den verschwundenen Sachen unseres Patienten gesucht hat. "Tja", wahrscheinlich hat er recht. Aber mit solchen Gedanken halten wir uns nur sinnlos selbst auf. Und wir haben ja einiges vor. Zunächst? "Was machst du jetzt?", fragt er mich. "Ich gehe mit den Hunden spazieren." "Das ist schön! Da komme ich mit", sagt er, aber das ist momentan noch schwierig. "Da müssen wir erst die Ärzte sprechen", gebe ich zu bedenken.
"Und ich werde demnächst verlegt", sagt er. Und da müssen wir auch noch mal nachforschen, wann? Und? Wohin? Denn manchmal ist es doch schwierig, wenn selbst die kleine vermeintliche Übersicht zu verschwommen bleibt. Und schließlich wollen wir eines Tages zusammen mit den Hunden spazieren gehen. Einfach so. "Aber", sagt er. "Ja?", sage ich. "Was werden denn die anderen sagen?" "Welche anderen?", frage ich. "Nun, wenn ich mitkomme, weil ich doch ...", macht er sich Gedanken.
Und das hört also nie auf, sich zermürben, denn - was die anderen meinen, kann einen quälen. Immer. Wenn man es zulässt. Da haben wir aber Glück, denn nicht nur der Opa war klug, die Oma war es auch. Und die sagte immer: "Was die anderen meinen, interessiert uns einen ganz feuchten Kehricht!" Tja, mit diesem weisen Rat ist sie zwar einst selbst ganz schlecht gefahren, als sie nämlich nach einem Bombenangriff, der ihr Haus in Schutt zusammenfallen ließ, ihre Meinung über ihre eigene Regierung in ganz klaren Worten auf der Straße vor den Nachbarn zum Ausdruck brachte. Ja, das hat ihr damals viel Ärger eingebracht, denn irgendwo hört ja immer einer mit und kennt die der Zeit entsprechenden Gesetze. Aber bereut hat sie es nie, ihren Wutausbruch. Und ihre deutlichen Worte. Doch denken wir klug, machen wir uns nichts vor, die anderen sind da. Und manche von ihnen braucht man, selbst wenn man es nicht will, viel mehr, als einem lieb sein kann. Oder, wie es der weise und kluge Sieff für die vorformuliert, die sich selbst beim Freigeist-Grübeln unter Kleingeist-Verdacht stellen: "Ich habe immer behauptet, der Meinung anderer keinerlei Bedeutung beizumessen. Deshalb begreife ich einfach nicht, warum ich Menschen mag, die mir ihre Sympathie bezeugen und ich solche verabscheue, die ich im Verdacht habe, mich überhaupt nicht zu mögen." Ja, es ist wie immer sonderbar kompliziert - das Leben. Im Miteinander. Aber in diesem Fall auch wieder nicht, denn uns interessieren die anderen momentan trotzdem einen feuchten Kehricht - die Meinung der anderen. Zur Geschlossenen zum Beispiel. Von der die meisten gar keine Ahnung haben. Oder ihre Meinungen zu Krankheiten, von denen auch die Experten nicht viel verstehen. "Wenn du mitkommst, wenn wir mit den Hunden gehen? Dann wird das richtig gut", sage ich Und wie immer nickt er. "Das wär schön", sagt er. Und das wird es! Da bin ich mir ganz sicher. Oder? Wie geht der Witz? Wie bringt man Gott zum Lachen? Indem man ihm seine Pläne erzählt. Und das mache ich dann auch gleich: "Weißt du was", sage ich zu Gott. "Ich habe da einen Plan ..." Und Gott nickt und zumindest diesmal lacht er nicht.



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