Sonntag, 11. Mai 2014

Historisch. Feiern! Depressiv.


Ein historischer Tag könnte es heute werden - für die ganze Stadt. Und zwar auf dem Fußballplatz - das wird also richtig spannend. Aber wir müssen noch etwas mit dem Feiern warten, mal sehen, was passiert. Euphorie mit ordentlich Bierdurst gemischt, beherrscht bereits in den frühen Mittagsstunden einige Fans - die von ganz früher vielleicht. Vielleicht wohl eher noch die, die erst gestern oder vorgestern auf den Spass, den Geschmack am Heimatverein kamen. Denn Erfolg schweißt immer gern zusammen. Und macht Durst. Und dieser könnte wahrhaft historisch sein.
Historisch auch, wie ich einst, vor Jahren? Jahrzehnten gar? auf dem Fußballplatz stand, und alle so überaus nett zu mir waren. Überraschend nett und zuvorkommend. "Möchten Sie noch ein Häppchen?" "Danke, warum nicht?" "Darf ich Ihnen noch ein Glas anbieten?" "Von dem guten Sekt? Sehr gern." Und? Ebenfalls überraschend, fast alle Spieler begrüßten mich persönlich, einige gar mit Handschlag. Und auch wenn ich's gern nehme, wie es kommt, das macht das Leben etwas einfacher, wurde selbst ich irgendwann argwöhnisch. Denn? "So nett sind die sonst nie!" Also hab ich mich mal umgeschaut und festgestellt? Ich stehe direkt neben denen, die wichtig sind! Die was zu sagen haben, denen das alles hier irgendwie 'gehört', ja! Neben dem Chef und den anderen - wie sagt man? - Bossen? Bonzen? Und wie sich herausgestellt hat, steht man dort ja ziemlich gut, denn es ist, als sei man ...? Auch wichtig! Zumindest behandelt einen jeder so, und das ist für einen Abend gar nicht mal so schlecht. Obwohl, kaum hat man die Lage überblickt, stellen sich die Zweifel ein, soll ich mir wirklich noch ein Glas? Genehmigen? Weil ich so günstig platziert bin, und die mich verwechseln? Und man schaut sich um, und ein Mann hinter dir nickt gönnerisch und zwinkert dir zu, als wärst du Inès auf Abwegen. Und - hätte ich das geahnt, hätte ich mir aber das andere Kleidchen angezogen. Zu spät! Und "Ja, hallo, wie geht es selbst? Mir. Danke, sehr gut. Ja, wunderbares Wetter, noch einen Sekt? Warum denn nicht?" 
So, und diese Erinnerung sagt uns, auf den richtigen Standort kommt es also an. Und nicht auf das, was man ist. In der geschlossenen Psychiatrie scheint man auf alle Fälle falsch gelandet. Gar kein guter Ort. Und - nachdem ich mich zunächst nur mit unserem Patienten und den Ärzten, dann mit den anderen Patienten und dabei dann insbesondere mit meinem neuen Freund beschäftigt habe, ist mir nun aufgefallen, dass m. E. recht wenige Besucher kommen. Man sieht sie hier selten bis gar nicht. Und die, die man sieht, scheinen sich ein wenig unwohl zu fühlen. Und da ich ja so sensibel bin - ich als Frau! - frage ich Monsieur, "Sag mal, du fühlst dich da nicht wohl?" "Das macht einen schon sehr depressiv da oben", meint er. "Gut. Dann bleib doch unten und trink noch einen Kaffee, ich lauf schnell hoch. Und?", frag ich Gott? "Kommst du mit?", aber auch er zieht ein Heißgetränk im Café unten vor. Lieber noch ein bisschen fachsimpeln - über Fußball wahrscheinlich. Männergespräche. Dann geh ich eben allein, denn ich bin davon überzeugt, dass die "Irren", die so einige zu deprimieren scheinen, nur ein, zwei Schritte weitergegangen sind als der Rest von uns. Vielleicht die falschen Drogen, Medikamente, vielleicht sogar das Essen, wenn wir dem Doc Glauben schenken wollen. Und es kommt ja auch immer darauf an, was der Organismus, das Gemüt vertragen kann. Was da zu ertragen ist. Was Demenz und sonstige Verwirrtheit auslöst, scheint hier vor Ort zumindest niemanden zu interessieren. Die Patienten werden mit Süßkram vollgestopft. Die Ärzte bemühen sich auf ihre Weise, die Pfleger so gut sie können. Und die Gäste in dieser Abteilung ebenso. "Klemmt der Reißverschluss?", frage ich meinen neuen Freund, der sich erschreckt, denn er ist wirklich sehr schreckhaft. "Mir hilft hier keiner", sagt er. "Soll ich mal? Versuchen?", biete ich an. "Aber du darfst mich nicht anfassen", stellt er klar. "Okay, gut. Es klemmt da", ganz vorsichtiger Fingerzeig. "Siehst du, zieh da mal selber, da oben, nicht unten." Und immerhin wäre das Problem damit gelöst, es war vielleicht das geringste an diesem Tag, aber die Freude ist trotzdem groß. "Gibt es gleich Kaffee und Kuchen?", fragt er, und obwohl ich das für sehr ungesund für ihn halte, nicke ich. "Klar. Keine Stunde mehr", und er strahlt. Schließlich - so wollen wir es halten - ist es zunächst immer so, wie es ist - dann lassen wir Eso-Spinner los, um im Fluss und nicht im Beharren zu ändern. Im Licht, wenn es möglich ist. Und manchmal kommt tatsächlich etwas Besseres dabei raus. Einen Versuch ist's wert.
Und dann noch kurz ins Museum, und ich hab mich - neben einigen anderen neuen Eindrücken - mal wieder verliebt. Hier - in die Migrant Mother von Dorothea Lange. Ganz wunderbare Bilder! "Sie erinnert mich an eine meiner Lieblingsschauspielerinnen, die ..." "Catherine Keener", sagt Gott, weil sogar er langsam meinen Gedankensprüngen folgen kann. "Und siehst du?", sage ich zu ihm und deute auf die Fotos der Vertriebenen. "Der Shit ist überall, der verfolgt uns. Auch wenn du nicht mit in die Geschlossene kommst. Sondern lieber unten im Café wartest. Man muss sich nur umschauen - im Elend. Immer hingucken. Und sich freuen. Trotzdem. Gerade - " Und Gott nickt, denn wir sind - vielleicht ein historischer Moment - ein Mal einer Meinung? "Hast du schon die "hot blooded woman" tanzen sehen?", frage ich ihn, denn ich leih ihm gerade diese kürzlich erstandene Grindhouse-Serie. Und schon wieder, wir lachen.  



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