Samstag, 17. Mai 2014

Drunter und drüber


Zuerst begrüßen wir unseren Patienten, es geht ihm nicht gut und deshalb? “Schau mal, wen ich dir mitgebracht habe!” Da ist die Freude aber groß. “Nein, den guten Imkerhonig aus der Apotheke darf ich dir hierher nicht mitbringen. Nein, auch nicht reinschmuggeln. Hab ich dir doch gesagt, wärst du in die andere Klinik gegangen. Ja, ich weiß. Da kriegen dich keine zehn Pferde … Tja, aber dann wirst du nicht gesund. Und dann gibt’s halt auch keinen Honig.” Und ich verkrümel mich mal lieber, bevor es trotz der großen Freude gleich noch Streit gibt. Lasse die zwei allein turteln, und sehe nach, was man im Patientenzimmer so alles hinterlegt hat. Und dort sitzt ein Mann auf einem der Betten und sagt: “Wenn Sie leise sind, stören Sie mich nicht.” “Okay, ich versuch’s. Geht es Ihnen gut?”, frage ich. “Bin schon recht nervös”, antwortet er.  “Ist ja Pokal heute Abend”, sagt er, “den müssen wir gewinnen.” “Stimmt! Lassen Sie mich raten: Dortmund!”, sage ich. “Natürlich,” schüttelt er vorwurfsvoll den Kopf, denn für wen könnte man sonst mitfiebern? “Da ist jetzt was los”, sagt er. “Und ich weiß nicht mal, ob wir hier mit der blöden Nachtruhe … das sehen können.” Und ich verstehe seine komplizierte Lage. Und langsam würde ich hier gern mal ein wenig Einsicht in die Patientenakten nehmen: “Wieso wurde der Fußballfan, der auf Korridor A, Zimmer hinten rechts, eingeliefert? Was können wir für ihn tun? Ich hab mich gerade so nett mit ihm unterhalten. Und ich denke wirklich, doch eine Ausnahme, er sollte das Spiel einfach sehen können. Oder liegen ganz konkrete …. Nicht, dass er randaliert, sollte Dortmund doch verlieren. Ja. Manchmal ist es … Viel schwieriger als man denkt. Mit den kleinen Freuden. Genau, sonst geht‘s hier am Ende noch drunter und drüber!”  Aber nun, ich darf mich ja nicht nach den anderen Patienten erkundigen. Zumindest werde ich kaum mit einer hinreichend tauglichen Antwort rechnen dürfen. Schade, denn genauso gern wie ich ungestüm und gedankenlos drauflosschreibe, oder gern wie unüberlegt handle, mache ich akkurat Pläne. Liebe strukturiertes Vorgehen, Effektivität! Selbst als Klinikbesucherin, ja.
Und kaum zurück auf dem Flur, bin ich gleich schon wieder verwirrt, denn heute ist die forsche Dame von letztens, die fast normal schien, ziemlich von der Rolle. Auf reine Spekulation angewiesen, vermute ich mal, die Medikation ist noch nicht ganz richtig eingestellt? Oder sie hat heute einfach einen üblen Tag erwischt, unter dem auch die anderen Patienten leiden müssen. Und als sie einen verstörten alten Herrn im Rollstuhl anbrüllt und mit ihm und dem Rollstuhl durch den Gang rast? Wer greift da ein? Exakt, mein Freund. “Bist du bekloppt?”, sagt er erstaunlich ruhig und nimmt ihr den Rollstuhl samt Herrn weg. “Ich bin ein ganz netter Kerl”, sagt er, das weiß er also selbst, “aber so geht es nicht! Nimm lieber mal deine Medikamente”, rät er ihr. Ist er nicht wundervoll? Doch dieser letzte Hinweis bringt sie erst recht in Rage, und schon kommt Fachpersonal und verfügt: “Jetzt gehen Sie dort hinten in die Ecke. Und überlegen sich, ob man so andere Menschen anbrüllen darf.” So. Und exakt das tut sie dann auch. Fall geklärt. Vorläufig.
“Hier ist ja ganz schön was los”, sage ich zu meinem Freund, behalte aber zunächst den Kaffee-Junkie im Auge, nicht, dass der mir auch noch blöd kommt, denn wer einmal von ihm so in die Ecke gedrängt wurde, bleibt wachsam: “Na? Heute schon die guten Alkaloide reingeknallt? Ja, noch ein Schlückchen. Morgen gibt’s bestimmt noch mehr.” Aber man soll nicht böse sein, natürlich nicht, bloß...
“Hallo, du siehst gut aus”, reißt mich mein Freund aus meinen bösen Gedanken. Und dann sagt er: “Ich habe heute gar keine chicen Klamotten an.” Stimmt, aber … “Macht ja nichts.” “Gut, ich habe mir nämlich etwas überlegt”, sagt er. “Ja?”, frage ich nach? “Ich müsste mir beide Hände abhacken, wenn ich nicht fragen würde?” “Um des Himmels willen”, sage ich, worüber hast du nachgedacht? “Ich finde wir sollten zusammen etwas trinken gehen”, sagt er. Aha. Es geht ihm also tatsächlich besser. “Aber wir trinken doch oft zusammen - Saft”, sage ich. Und er schüttelt den Kopf. “Das ist nichts”, weiß er, und natürlich stimmt das - irgendwie, die lecker gesunde Safttrinkerei gilt allgemein eher als uncool. “Hier müsste ja irgendwo ein Café sein”, sagt er. “Draußen. Hier geht es ja nicht, hast du ja gesehen, hier geht es drunter und drüber.” “Stimmt. Heute ist viel los. Aber wir müssten erst noch mit der Ärztin sprechen”, sage ich. Und er nickt. “Ja, ich hätte schon gestern gefragt, aber dann gab es unten so viel zu tun.” “Verstehe.” “Ganz ad hoc kam das. Und ich musste bereitstehen”, sagt er. “Man weiß nie. Und ich bin mit dem  Procedere nicht vertraut.” Und ich nicke, heute benutzt er eine ganze Menge Vokabular. Nicht schlecht. “Das klären wir am besten nächste Woche mit der Ärztin”, sage ich also. “Dann fragen wir auch, ob ich dich mal besuchen darf.” Ihm ist nämlich inzwischen auch sein Name wieder eingefallen. Und er nickt. “Das wär schön”, sagt er wie immer. Und ich nicke auch, denn da kann man es mal wieder sehen, selbst der egozentrischste Gutmensch, der schon fast mit schlechtem Gewissen dem Gegenüber begegnet, weil: “Du tust mir gut! Ich weiß gar nicht, ob ich selbst ...? Für dich?”,  kann dem anderen doch eine Freude machen. So zumindest sieht es aus. Okay, er hat meinen Namen wieder vergessen, aber Namen? Wen interessieren Namen? Heute war ein guter Tag. Und jede kleine Freude zählt. Und im Leben geht es zuweilen drunter und drüber, und niemand kann sich ganz sicher sein, nicht eines Tages selbst in der Geschlossenen zu landen. Wer weiß? Was als Nächstes passiert. Und vielleicht, auch wenn der eigene Geist eines Tages - aus welchen Gründen auch immer - mal eine Auszeit nimmt, freut man sich doch, wenn mal einer vorbeikommt. Und man gemeinsam einen Saft trinkt? “Gut, morgen komme ich schon wieder”, sage ich. Und er nickt, denn? Genau, "das wär schön". Und das verspreche ich auch unserem Patienten: “Ja, selbstverständlich, deine Freundin bringe ich morgen auch wieder mit. Natürlich. Nein, keinen Honig. Nein. Das darf ich nicht. Nein, auch nicht reinschmuggeln. Neiiiin.”  Ja, ja. Schwierig - mit den Freuden! 



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