Donnerstag, 15. Mai 2014

Die Wunde




Als Inès am vorgegebenen Ort, zum angegebenen Zeitpunkt in den Wagen stieg, fühlte sie sich unsicher und nervös. Der Mann am Steuer war ein unscheinbarer, aber nicht unangenehm aussehender Mann, der so schweigsam und steif den Wagen durch den Verkehr lenkte, dass sich Inès zunächst die Frage stellte, ob er lediglich der Chauffeur sei, der sie zu ihrem Rendezvous fahren sollte. “Edith lässt mich in keine Falle laufen”, sagte sich Inès, zupfte an dem Saum ihres hübschesten Kleidchens, atmete tief durch und wagte es, genauer hinzusehen. Und sie erinnerte sich, wusste, dass sie ihn bereits einige Male in Ediths Etablissement, dem “Noblesse”, gesehen hatte. An der Bar wohlgemerkt, nicht mit einem Mädchen. “Und da hast du mich hinten putzen sehen. Und dich in mich verliebt”, dachte Inès. Und korrigierte sich umgehend. “Dir gedacht, du könntest mich kaufen. Und Inès? Hatte das Geld eingesteckt, es eine ganze Nacht lang betrachtet und überlegt, eine Entscheidung gefällt. Und so kam es, dass sie nun neben ihm saß.
Und sie unternahmen zu ihrer großen Erleichterung lauter harmlose Dinge. Sie spazierten an einem Fluss entlang und zuweilen stellte er ihr Fragen. “Hast du so etwas schon einmal gemacht?” Und Inès überlegte, worauf diese Frage hinauslaufen könnte. “Oder bin ich der erste?”, fuhr er auf ihr Schweigen hin fort. Und da Inès auch diese Frage auf ganz unterschiedliche Weise deuten konnte und nicht wusste, was er von ihr erwartete, wie die richtige Antwort lautete, lächelte sie, legte spitzbübisch listig einen Zeigefinger an die Lippen und zwinkerte dem Mann neben ihr zu. “Ich verstehe”, sagte der. Und Inès lachte, sollte er ruhig glauben, dass sie wusste, was sie tat. Und irgendwie hatte sie den Eindruck, die Kontrolle zu haben. Er hatte fünf große Scheine für ein einziges Treffen mit der Putzfrau bezahlt. Und Inès fühlte sich eingeschüchtert, aber auch geschmeichelt, etwas furchtsam. Denn was wurde als Gegenleistung erwartet? Für so viel Zuneigung? Inès fühlte sich verwirrt. Und er war durchaus bereit, weitaus mehr Geld für sie auszugeben. Für Champagner zum Beispiel. Und zumindest in dieser Hinsicht sollte Edith - wie sie es vorhergesehen hatte - recht behalten. Der echte Champagner zumindest brachte Inès auf den Geschmack. Und der Mann bestellte feines Essen dazu, in teuren Restaurants. Und Inès war beeindruckt und bemühte sich um ein wenig Konversation. “Wie heißt du?”, fragte sie ihn, aber er zuckte die Achseln, als sei das nicht wichtig. “Ich werde dich Jean nennen”, schlug Inès daraufhin vor, denn sie kannte keinen Jean. Und war sich noch nicht sicher, ob sie später einmal an diesen erinnert werden wollte. “Ist das in Ordnung? Jean?” Und Jean ließ sich das durch den Kopf gehen und nickte. Und Inès erzählte Jean aus ihrem Leben. Schmückte es aus. Mit Anekdoten, die sie bei den Mädchen aufgeschnappt hatte, erzählte irgendetwas. Denn sie wollte um keinen Preis schweigsam und trostlos wie ein altes Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat, mit Jean an einem Tisch sitzen. Der Champagner tat ein Übriges.
Später gingen sie hinauf, in ein ebenso teures wie elegantes Hotelzimmer und Inès war beschwipst und erneut beeindruckt. Und hatte ihre Nervosität längst vergessen. In dieser ersten Nacht tanzte sie ein wenig für Jean, das hatte sie sich von Ediths Mädels abgeschaut, und sie war enttäuscht, dass es ihm kaum zu gefallen schien. Dass er sich später nicht neben sie ins Bett legte, dass er im Sessel sitzen blieb. Schweigend.
Und so hielten sie es eine ganze Weile, Jean bestellte sie an einen Ort. Manchmal gingen sie direkt ins Hotel, manchmal machten sie einen Ausflug, fuhren in die Berge, bummelten durch die Stadt. Jean kaufte Inès neue Kleider in chicen Boutiquen, und Inès küsste ihn auf die Wange. Manchmal schlief er neben ihr im Bett, berührte sie. Und einmal erzählte er ihr von einer anderen Frau. Aber Inès war sich zunächst nicht sicher, ob sie ihm die Geschichte glauben sollte. “Sie hat sich in Griechenland auf Lefkas von einer Klippe gestürzt. Der Sage nach haben sich dort früher die unglücklich verliebten Mädchen alle ins Meer gestürzt. Selbst Sappho soll dies aus unerwiderter Liebe zum Fährmann Phaon getan haben”, erzählte Jean. Und Inès überlegte, wer Sappho sei. “War das nicht eine Lesbe?”, dachte sie, wagte aber nicht zu fragen. “Und ich erinnere dich an deine Freundin?”, sagte sie stattdessen. Und Jean zuckte die Achseln. “Ein wenig”, sagte er. “Du bist hübscher. Und längst nicht so kompliziert. Du würdest dich nie von einer Klippe stürzen”, spekulierte Jean. Und Inès zuckte ihrerseits die Achseln. Wer weiß, was man als nächstes tut. “Und sie ist gestorben”, dachte Inès. “Und deshalb bist du so traurig? Weil du dich schuldig fühlst?” Und sie fuhr mit ihrem Zeigefinger über die Falten an seinem Mund und überlegte, was sie diesem Mann Gutes tun konnte.
Manchmal erzählte sie einfach einen Witz, einen schlüpfrigen vorzugsweise, denn sie dachte immer noch, dass sie eigentlich mit diesem Hintergedanken engagiert worden war. “Was steht auf dem Grabstein eines Spanners?”, fragte Inès und lachte und freute sich, wenn sie Jean - “Endlich bist du weg vom Fenster!” - zum Schmunzeln brachte. “Siehst du? Jean? Fast hättest du gelacht”, sagte sie dann und legte eine Hand auf seinen Arm.
Doch eines Nachts erwachte Inès, weil heftig an ihrer Hotelzimmertür geklopft wurde. Und Jean lag nicht neben ihr. Und er saß auch nicht in einem Sessel an ihrem Bett. Verschlafen stand sie auf und öffnete die Tür. Und fremde Männer standen dort und einer von diesen fragte sie: “In welchem Verhältnis stehen Sie zu Nicolas Caville?”
“Wem?”, fragte Inès. Und es dauerte eine Weile, bis sie verstand, dass die Männer von Jean sprachen. Von ihrem Jean. Der mit zerschmettertem Schädel unten auf dem Asphalt lag. Von ihrem Jean, der mutwillig oder versehentlich über das Balkongeländer gestürzt war.
“Ich bin seine Konkubine”, sagte Inès wahrheitsgemäß. Und runzelte die Stirn. “Ich bin seine Freundin”, erklärte sie dann. Setzte sich aufs Bett und weinte.



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