Donnerstag, 8. Mai 2014

Die Mauer


Da sind Sie ja wieder, sagt mein netter Freund aus der Geschlossenen, der letztens so gut auf mich aufpassen wollte.
Ja, ich war ein paar Tage weg, wie geht's?
Ganz gut. Ich weiß nicht, wo ich bin.
Sie Sind in der Geschlossenen Abteilung in der Klinik.
Wieso bin ich hier?
Weiß ich nicht, wir kennen uns ja noch nicht so lang.
Ich denke nicht, dass ich hierhergehöre.
Was sagen denn die netten Ärzte, die sind hier ja wirklich ...
Das interessiert mich nicht.
(Schon wieder so ein Mann, der alles besser weiß. Traurig, die wenigsten von ihnen landen hier. Und er scheint wirklich bekümmert, wie eigentlich alle hier.)
Ich mag Ärzte auch nicht. Manchmal braucht man sie trotzdem.
Haben Sie manchmal Angst?
Und wie!
Ich auch. Vor was?
Manchmal vor allem.
Ich auch.
Und dann rufen Sie die Polizei?
Ja.
Nette Jungs, die kommen, wenn man sie braucht.
Nicht immer.
Nein, manchmal braucht man auch einen Arzt.
Ja. Gehen Sie schon wieder?
Ja, ich komme aber gleich morgen wieder.
Das ist gut. Das will ich hoffen. Auch zu mir?
Klar. 
Das ist sehr wichtig.
Gut, ich komme. Gern.
Sag mal, sage ich später zu Gott, wenn wir das mal mit dem Paradies hinbekommen, lassen wir die aber zuerst rein. Die Typen in der Geschlossenen, die sind alle schrecklich unglücklich und ziemlich harmlos. Und oben, in der Etage darüber, sind die mit der Überdosis, die könnten wir auch gleich mitnehmen. Denen geht es auch nicht viel besser.
Schwierig, sagt Gott und wiegt den Kopf. Das bringt viele Probleme mit sich, weiß er. Und birgt immer die Gefahr, dass sie uns weglaufen ... Dann müsste ich doch eine Mauer ziehen. Eine hohe sogar.
Jau, mit Stacheldraht, sag ich. Denn er denkt ja gerade in die falsche Richtung. Unsinn, sage ich deshalb, auch wenn, oder sogar weil ich weiß, dass er das gar nicht mag. Aber aus dem Paradies - läuft ja niemand weg. Da wird man ja höchstens rausgeworfen. Wollen wir auch Regeln aufstellen?, frage ich deshalb Gott. Und er wiegt wieder den Kopf, denn wir mögen keine Regeln, aber ohne Regeln ist es auch schwierig, da streiten ja sogar wir - ziemlich oft sogar - bei der momentan angespannten Gemütslage. Jetzt bloß nicht gleich wieder mit Zornesfalte loslegen, verschieben wir die Entscheidung also. Lass uns erst mal weitermachen, schlage ich vor. Denn das Paradies, darauf wartet kaum einer mehr, aber eine Menge Menschen könnten schon einen Tag oder so dort vertragen. Phil Collins sagt Gott und nickt, aber wir streiten nicht. Schon gar nicht wegen Zynismus.


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