Montag, 12. Mai 2014

Der Künstler


Der erste Mann, der sich ernsthaft um Inès bemühte, war ein Künstler. "Er arbeitet als Friseur", stellte Inès klar, und damit war die Sache für sie erledigt. Nicht so für ihre Mutter, die es besser wusste: "Er geht auf die Kunstakademie!" Und so ließ sich Mutti immer häufiger "Einmal waschen und legen, bitte", im Salon am Ende der Straße für den Abend und den eigenen Mann hübsch herrichten. Schließlich sah sie den so talentierten Künstler längst mit zwei, drei Enkelkindern allsonntäglich auf ihrer Couch sitzen.
Derart ermutigt, begann der musische Figaro jeden Abend ein kleines Betthupferl durch Inès Fenster zu werfen, um sie zu erfreuen, damit sie an ihn dachte und von ihm träumte. Und obwohl Inès die Süßigkeiten tatsächlich jeden Abend mit einem leichten Kopfschütteln und einem kleinen Lächeln aufsammelte, um sie später im Bett wegzuschnuckern, und obwohl sie dabei tatsächlich kurz an ihren Gönner dachte, träumte sie doch nie von ihm. Da der Friseur indes nicht ahnte, wie es um die Liebe stand, entschloss er sich nach langem Zögern einen bedeutenden Schritt weiterzugehen. Und so fand sich eines Tages ein kleines Gemälde - "mit Widmung" - auf dem Sims. Das Liebespfand hatte die Mutter in Inès Abwesenheit persönlich angenommen und dort an einem Ehrenplatze aufgestellt. Und Inès betrachtete das Bild und verließ schweigend das Haus. "Was soll der Schlammweg? Zwischen den van Gogh'schen Zypressen?", stellte Inès den Künstler daraufhin im Salon am Ende der Straße zur Rede. "Auf unserem Kaminsims?" Und der Maler, der mit dieser heftigen, nicht unbedingt positiv zu deutenden Reaktion nicht gerechnet zu haben schien, stand verwirrt und sprachlos vor ihr. "Nie wieder", sagte Inès mit erhobenem Zeigefinger, "nie wieder will ich ein Geschenk von dir! Ist das klar!" Und so verblieben sie.
Nur sein Werk steht bis heute, von der Mutter beharrlich verteidigt, am Tag des Streits sogar von ihr persönlich wieder aus dem Ascheneimer hervorgezogen und akkurat abgestaubt, auf seinem Ehrenplatz auf dem Sims. "Schau", sagte Inès Jahre später zu Stefan, der als Vater des sich ankündigenden Nachwuchs der zukünftigen Schwiegermutter seine Aufwartung machte und nervös im Raum stand. Und Inès stand mit dickem Bauch neben ihm und lachte und zeigte auf das Bild. "Das hat mir mal ein Künstler gemalt, Mutti? Wie hieß der noch?" Und Mutti strich sich die Schürze glatt und strahlte in der Erinnerung. "Rudy, das war der Rudolf", sagte Mutti. "Den hättest du damals heiraten sollen", sagte Mutti. "Der war Künstler." "Er war Friseur", sagte Inès. "Und Stefan ist ein Künstler, er ist Musiker", sagte Inès und die Mutter seufzte. Und Stefan, der Schreiner, wünschte sich an einen anderen Ort.



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