Mittwoch, 7. Mai 2014

Das Angebot


Eines Tages, Inès arbeitete zu dieser Zeit in einem mittelklassigen Herrenclub als Raumpflegerin, schob ihr Edith, die Geschäftsführerin, einen dicken Umschlag über die gerade blitzblank gewienerte Theke. “Ich hab’s kapiert, du willst nicht vorn mit den Mädels arbeiten, schwingst lieber standhaft den Staubwedel. Obwohl wir dich gern hier sehen würden. Aber versuch’s doch mal damit”, sagte Edith, die Inès bereits mehrfach vorgeschlagen hatte, in den Dienstgrad einer echten Servicekraft des Etablissements aufzusteigen. Aber weder die neu geknüpften Freundschaften zu einigen der Mädels noch die flexiblen Arbeitszeiten, die Provisionen, der gute Stücklohn konnten Inès von diesem Berufsfeld überzeugen. Und so hatte sie in den letzten Wochen beständig und vehement bezüglich dieses Anliegens den Kopf geschüttelt. Zwar wusste sie zu dieser Zeit noch nicht wirklich, was das Leben ihr bieten wollte, aber sie war davon überzeugt, dass es etwas anderes war. Als sich in einer Zwischenstation von wurstigen Fingern und glotzigen Augen begrapschen zu lassen. 
Doch nun griff sie ebenso neugierig wie verwirrt nach dem Umschlag, öffnete ihn und hielt fünf große Scheine in ihrer Hand. “Von wem?”, fragte Inès, und Edith lachte, denn Inès hatte immer noch nicht die simpelsten Grundprinzipien des Jobs verstanden. “Was meinst du? Von dem kleinen Dicken ohne Hals?”, fragte Inès etwas später ihre neue Freundin Gaby, die am späten Nachmittag, Feierabendverkehr, unter dem Künstlernamen Élodie, alle Hüllen erst sich recht kunstvoll auf der Bühne und bei direkter Nachfrage wenig später auch dem geneigten Herrn weitaus weniger kunstvoll, denn Zeit ist Geld, auf dem Zimmer abstreifte. “Ist doch egal”, meinte Gaby, nahm einen ordentlichen Schluck vom leckeren Kaffeelikör und stellte die einzig vernünftige Frage: “Was sollst du dafür tun? Wenn du‘s nicht machen willst, ich mach’s. Kann man immer gut gebrauchen. 500. Nebenbei.” Und so verhalf der Profi Inès auf Spur. “Was soll ich dafür tun?”, fragte sie also Edith mit vorgeschobenem Kinn, und die nickte zufrieden. “Probier es aus, er holt dich ab”, schlug sie vor und reichte Inès einen Zettel mit einer Uhrzeit und einer Adresse. “Das ist mitten in der Stadt. Am hellichten Tag”, überlegte Inès. Und dass Edith sie niemals in eine Falle laufen lassen würde. “Vielleicht kommst du ja auf den Geschmack”, sagte Edith und lachte ihr tiefes, kehliges Lachen. Doch obwohl Inès sich sicher war, dass das nie passieren würde, grübelte sie einen langen Abend und dann eine lange schlaflose Nacht darüber, was sie tun würde. Was sie anziehen würde, sollte sie ... Wem sie begegnen würde, sollte sie …. Wenn sie am nächsten Tag … Wer fünf blaue Scheinchen in einen Umschlag gesteckt hatte, um sie zu treffen. Um was zu tun? Sollte sie ...



~


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen