Sonntag, 18. Mai 2014

Bergauf


Fast wären nicht angekommen, so steil bergauf ging's. Dann aber doch die letzte Steigung erklommen und: "Wow! Das ist aber ... famos!" "Das war früher ein privates Luxushotel für die Gäste von ... die sollen hier die Kunden und Freunde aus der ganzen Welt untergebracht haben. Mit Sauna, Schwimmbad, Lounge und allem, was man halt so braucht. Versteht sich." "Nicht schlecht." Denn dort wird unser Patient wohl demnächst residieren, wenn alles gut geht - den Umständen entsprechend. Den Umständen, die unser Starrkopf zulässt. Ein letzter Ruhesitz wohl, denn wer sich im akuten Stadium nicht behandeln lässt, muss manchmal eben doch mehr leiden, als nötig wäre. Aber wir tun, was wir können, und hier gefällt es selbst Monsieur. Und hier hat auch er gleich einen Freund gefunden: "Den kenn ich schon", freut sich ein netter älterer Herr und deutet auf Monsieur. Und ich weiß, auch wir werden uns bestens verstehen.
Die Speisesäle sind getrennt. Die, die noch selbst essen können, machen sich nämlich offensichtlich mit größter Freude über die lustig, die dabei Hilfe brauchen. Ja, die Bosheit hört niemals auf - der Mensch ist kein nettes Wesen! Nirgendwo. Und allzu oft! Aber Lage wie Haus sind einfach "Wow." Und können wir uns das überhaupt leisten? Ja, aber nur, weil wir ja hier im ... leben. (Jau, gute Stimme, den würde ich, denke ich, auch mögen, wenn ich die Texte bloß nicht verstehen müsste. Egal.)
Es geht in unserem hoffnungslosen Fall, der die Ärzte kapitulieren lässt, also nicht wirklich bergauf, aber besser hätte er es wohl dennoch nicht treffen können. Im ehemaligen Luxushotel auf dem Berg!
Also noch schnell bei ihm vorbeigeschaut. "Interessiert mich nicht. Ich bleibe hier!", das hat er längst beschlossen, auch wenn das nun nicht möglich ist. Und auch völlig absurd. Na gut, dann turtel noch mal mit meiner Begleitung, denn "sicher, die habe ich dir wieder mitgebracht. Wie versprochen." 
Und mein Freund? "Ist das Ihr Besuch?", fragt ihn eine Dame vom Aushilfspersonal. "Oh nein", sagt er, "sie ist nicht mein Besuch, sie ist mein Sechser im Lotto!" Na. Ich wiegel etwas ab, wir wollen ja auch nicht zu viel flirten! Aber nett übertreibt halt auch gern mal. "Und", frage ich, "er hat mich zum Spaziergang eingeladen. Geht er wirklich mit Ihnen spazieren? Darf er die Geschlossene verlassen?" "Natürlich", sagt die Pflegerin. "Er darf das, er ist ja ein ganz Netter! Wollen Sie mitkommen?" "Gern, demnächst bestimmt!" Ich hatte ihm nämlich nicht geglaubt, als er mir von seinen Spaziergängen erzählte, wie er die Treppe nach unten nimmt und dann links über die Straße .... Die Irren halt, erzählen einem ja whatever. So. Misstrauen, Besserwisserei und im schlimmsten Fall: Auch noch am Essenstisch von den Altersgenossen bis zum Tod gemobbt werden. Und mein Freund?  Der darf sogar aus der Geschlossenen heraus spazieren gehen. Der verteidigt inzwischen seine hilflosen Mitpatienten. Lässt auch mal Besuch auf seinem Stuhl verschnaufen. Und kümmert sich.  Den mögen alle, weil er so ein Netter ist! Und gleich morgen, nein, ab jetzt, ab sofort - versuche ich es gleich auch mal: ein wenig netter sein! Freundlicher. "Was meinst du?", frage ich Gott und der überlegt nicht lang. "Nun, ein bisschen netter könntest du ruhig sein. Zuweilen," weiß der Leidgeplagte. Jawoll. Die interne Logik des Besprochenen verbietet eine andere Antwort. Und aufpassen wie ein Luchs - dass ich niemandem mit Vorurteilen begegne. Unsinnig vorveruteile. Niemanden kränke. Und vielleicht hin und wieder sogar? Jemandem eine echte Freude mache? "Das wär schön", würde er sagen. Und dann geht's selbst in schlechten Zeiten bestimmt auch weiter - bergauf!



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