Dienstag, 15. April 2014

Die Sicherheit


Stefan sitzt mir gegenüber, er lächelt, wirkt entspannt. Er hat mir ein Getränk angeboten, aber ich habe dankend abgelehnt, will lieber gleich auf den Punkt kommen. Und lass mich doch ablenken. Schaue in seine braunen Augen - “wie raues Wildleder” - hat Inès gesagt, fast schwärmend, wie immer noch verliebt. Und wenn man sich den Mann anschaut, ahnt man, warum. “Warum ist sie gegangen?”, frage ich dann, weil es das ist, was ich wissen möchte. Weil jede langwierige Konversation, jede fade Plauderei, alles höfliche Taktieren auf eben diese Frage hinausliefe. Und Stefan nickt, als hätte er geahnt, dass wir gleich in der ersten Runde nicht lange bedacht umeinander herumtänzeln. “Warum ist sie gegangen”, wiederholt er meine Wörter, ohne ihnen ein Fragezeichen anzuhängen, schaut hinab auf seinen Schoß. Schweigt. “Die Frage lautet eigentlich anders”, sagt er dann. Die Frage, die ich mir immer gestellt habe, lautet: ‘Wieso ist sie geblieben. All die Jahre?’” Und Stefan nickt erneut. “Eines Morgens saß sie neben mir und lachte. Es war kühl, die Sonne kaum aufgegangen, ich hatte die Nacht auf einer Bank verbracht, und plötzlich saß sie neben mir. Wie ein Schmetterling, der sich zufällig auf deine Schulter setzt. Man reibt sich den Schlaf aus den Augen, weiß nicht, ob man träumt, streckt die steifen Glieder. Und sie war immer noch da. Und von dem Moment an hab ich alles getan, damit sie bleibt. Ich wollte aufregend sein, ihr Sicherheit geben, ihr alles recht machen.” Und Stefan schaut auf, nickt und lacht, weil wir beide wissen, dass das eine unmögliche Mission war. “Wir sind damals noch mit dem Kinderwagen an den Wochenenden unterwegs gewesen, ich mit der Gitarre, die Familie am Straßenrand - wie fahrendes Volk. Inès hat es geliebt. Dabei”, sagt Stefan und seufzt, “dabei hatte ich da längst die Ausbildung angefangen. Ich hatte zu tun, war müde, ich hatte eine Familie und eine sorgenlose Frau. Und wir konnten doch nicht beide - so unbeschwert … Wie sie?”, sagt Stefan zweifelnd, aber ich nicke, denn ich verstehe, und der Mann gefällt mir. “Was bist du geworden?”, frage ich. Und er schaut auf seine Hände. “Schreiner”, sagt er. Und er gefällt mir noch besser, denn ‘ein Mann, der seine Hände nicht zu nutzen weiß, taugt nichts.’ Diese kluge Weisheit verriet mir längst die Oma. “Liebt sie dich auch noch?”, frage ich Stefan. Weil ich niemals grausam sein könnte. 



 ~ 



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen