Freitag, 25. April 2014

Die Geschlossene


"Von euch", sagt er und strahlt, "hab ich zuletzt immer nur noch geträumt."
Nun, jetzt stehen wir alle da und freuen uns. "Du siehst aber gut aus, wie geht es denn?"
"Naja. Nur Irre hier, ich kümmer mich ein wenig", sagt unser Patient.
"Sehr gut." Und nach ein wenig Konversation - "Ja, deine Lektüre hab ich mitgebracht" - können wir beobachten, wie er mit der Ärztin schäkert. Eine wirklich gute Idee ist das, es mit Charme zu versuchen, mach ich auch ganz gern, vor allem im Job, kann man weit mit kommen - bloß, mal kurz nachgefragt: "Macht er denn auch mit? Bei den Untersuchungen. Und so ... " 
"Nun. Noch verweigert er ..." Tja, also mal schauen. A propos, da wir ja erst gestern von den vermeintlichen Wunderkräften der Wildkräuter lasen, einen Versuch Demenz wie auch sonstigen Gebrechen ganz elementar vorzubeugen, wär es allemal wert. Denn auch wenn sich in den letzten 20 Jahren eine Menge in der Geschlossenen Abteilung zum Besseren gewandelt hat - ja, Farbe tut gut! Dass die das damals nicht wussten, ist wirklich verblüffend. Und ohne diese ganz dicken Stahltüren, wie man sie eigentlich nur in Alcatraz vermutet hätte, ist auch alles etwas angenehmer - so richtig dann aber eben doch nicht. Wenn man eine Einweisung hierher vermeiden könnte ... Schlecht wäre es sicher nicht. Und es sind auch nicht nur Alte hier, auch Jüngere, Verwirrte. Und so habe ich auch gleich einen Verehrer gefunden, der mich fortan auf Schritt und Tritt begleitet.
"Warum schauen Sie so böse?"
"Ich beobachte Sie."
"Hab ich schon gemerkt, aber schauen Sie böse?"
"Nein."
"Dann ist gut. Dann gehen wir jetzt mal zum Sekretariat."
"Ich beobachte Sie. Wenn was passiert, ruf ich die Polizei."
"Klasse. Dann kann mir ja gar nichts passieren."
"Ich beobachte Sie."  
Und trotz all des versprühten Charmes am Ende doch noch fast in Streit geraten. Nein, nicht mit dem beobachtenden Aufpasser, und auch nicht mit dem Kollegen, der überall umherschleicht und die Schlappen der anderen stibitzt. Ja, kaum hat man es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht, die Füße hochgelegt, sind sie weg - die Schlappen. Was indes nicht ganz so schlimm ist, da er sein Diebesgut an einem allen bekannten Ort hortet. So findet man das Vermisste rasch wieder. "Ja, wir holen dir die Schlappen. Nur keinen Streit jetzt." Und dann eben fast doch noch selbst gestritten, weil diese eine Dame mir meine Handtasche einfach nicht mehr wiedergeben wollte.
"Das ist meine!"
"Nein."
"DOCH! HILFE!"
Und dann gleich hinterher:
"Polizei!", ruft mein neuer Begleiter. Nicht ganz zu Unrecht.
"Genau! Es ist meine Tasche, darf ich sie vielleicht mal ... Nur ganz kurz." Und kaum ist das tragbare Eigentum zurückerobert, fragt unser Patient: "Wo sind eigentlich meine Schlappen? Hast du eine Ahnung, wo meine Schlappen sein könnten?" Oh ja.   


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