Freitag, 11. April 2014

Die geschenkten Stunden


Eines Morgens, es war beinah noch mitten in der Nacht, wachte Inès auf, wusste, sie hatte verschlafen, sprang entsetzt aus dem Bett und in Windeseile unter die Dusche. Schlüpfte rasch in dasselbe helle Sommerkleid, das sie schon gestern getragen hatte, griff achtlos nach der getönten Tagescreme, gedankenlos nach ihrer Tasche und den Schlüsseln und verließ die Wohnung.
Überhastet lief sie durch die noch kühle Stadt, durch Straßen, die vom morgendlichen Dunst wie verhangen schienen. Doch Inès war dermaßen in ihrer Gedankenfolge gefangen, dass sie all das genauso wenig bemerkte wie die Tatsache, dass ihr kaum ein Passant, kaum ein Auto begegneten. Dass sie sich selbst in einem einzigen Irrtum bewegte, bemerkte sie erst, als sie vor dem Bürogebäude, in dem sie seit einigen Monaten Aktenblätter Seite für Seite in einen großen Computer eingab, vor verschlossenen Türen stand und endlich einen Blick auf ihre Armbanduhr warf. Und Inès konnte es nicht glauben, konnte nicht glauben, dass sie, die Langschläferin, die so ausgedehnt in so viele Tage ihres Lebens hineingeschlafen hatte, jetzt so unvermittelt sinnlos, so früh am Morgen hier stand. Und Inès lachte, weil ein Traum, oder die Absurdität des Lebens selbst sie hierher geführt haben musste. Um diese Uhrzeit. Und da es nichts zu tun gab an diesem Ort, da noch nicht einmal ein Café geöffnet hatte, schlenderte sie den Hügel zum alten Augustinerkloster hinauf, das über dem kleinen Städtchen, in dem sie damals lebte, thront. Inès ging lachend durch das große hölzerne Eingangstor, ging über eine Wiese auf die große Bank zu, die die Mönche gleich neben dem Kräutergarten für Besucher aufgestellt hatten. Und an diesem frühen, kühlen Morgen schlief auf eben dieser Bank zusammengesunken ein junger Mann, und Inès setzte sich neben ihn. Und mit den ersten Sonnenstrahlen, von lautem Vogelgezwitscher und ebenso lautem Lachen geweckt, wachte der Mann auf. Und Inès schaute in seine wunderschönen, verwirrt verschlafenen braunen Augen und lachte. Seufzte und blickte dann über seine Knie hinweg
über das weite Land unter ihnen. Und sie lachte wieder, weil es zu all dem eigentlich viel zu früh war. 



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