Freitag, 18. April 2014

Der Retter


Der Mann wurde vom Himmel gesandt, um Abenteuer zu bestehen, Schlachten zu schlagen, Drachen zu köpfen, um heldenhafter Retter zu sein. Das ist allgemein bekannt, und so machte sich Inès dieses Wissen im Alter von erst fünf Jahren zum ersten Mal generalstabsmäßig zunutze. Die Verführung des nur ein Jahr älteren Nachbarsjungen Ole, der gegenüber von Inès Elternhaus lebte, war lange überlegt, gestaltete sich indes simpel. “Tu’s einfach”, sagte Inès. “Der Blödmann will mir ständig unter den Rock gucken. Der ist bescheuert”, sagte Inès. Und so kam es, dass Ole das einsah und eines Nachmittags über die Straße ging und seinem Freund Nils, der zwei Häuser neben Inès wohnte, direkt in der Garageneinfahrt gewaltig und wie unvermittelt eine scheuerte. Und für diesen gerechten Liebesdienst küsste Inès Ole am frühen Abend, als ihre Mutter sie ins Haus rief, direkt auf den Mund. Sehr kurz küsste sie ihn, fast flüchtig, doch der Kuss, oder auch der jähe Bruch mit seinem Freund Nils verstörte den kleinen Ole gewaltig. Verstörte ihn derart, dass er tagelang seine Mutter an die Tür schickte, die vorgeben sollte, er dürfe nicht zum Spielen nach draußen kommen. Inès grübelte ein wenig über Oles seltsam unglaubwürdiges Verhalten, stellte ihn aber diesbezüglich nie zur Rede. Genoss vielmehr den neu erlangten Respekt, weil erstens niemand es mehr wagte, ihr unter den Rock zu schauen. Der blöde Nils ihr überhaupt nicht mehr hinterherlief. Und weil außerdem die kleine Nicole im Kindergarten erzählt hatte, dass sie gesehen habe, wie Inès ein Jungen küsst, der schon zur Schule geht. In die erste Klasse. Ein beeindruckender Erfolg auf ganzer Linie war das. Und so übte sich Inès von da an in der Kunst sich anzulehnen, schutzbedürftig. An Männer, deren Gemüt vorzugsweise nicht zu kompliziert konstruiert war, auch diese Lehre hatte Inès aus Oles Verhalten abgeleitet. Kaum war ein Problem erkannt, die erforderlichen Maßnahmen überdacht, präparierte sie einen kleinen Krieger fürs Gefecht. Und niemals gewann sie bei dieser logisch klugen Verfahrensweise den Eindruck, sie selbst lehne sich stärker an den Mann, als der sich an sie. Ganz im Gegenteil schienen ihr ihre Krieger viel zu oft von Ängsten und Zweifeln geplagt, die Inès frohes Gemüt selbst nur selten trüben konnten. “Denk nicht so viel”, sagte sie und lächelte traurig, denn sie ging inzwischen davon aus, dass ein Mann neben der ganzen Küsserei vor allem auch Verständnis sucht. Und Fakt ist, in ihrem bisherigen Leben begegnete ihr nur noch ein einziger Mann, der glaubte, sich ihr gegenüber so respektlos verhalten zu können wie einst der kleine Nachbarsjunge von nebenan. Und dieser dreiste Typ tauchte eines Abends kurz vor Inès 19. Geburtstag aus der Dunkelheit auf, stellte sich an einem Gehüberweg an einer viel zu befahrenen Straße viel zu dicht hinter Inès, legte seine Hand auf ihre Taille und drückte sie trotz all der vorbeifahrenden Autos gegen einen Laternenpfahl. Küsste sie, seine Hände überall. Ein zappelndes Liebespaar, das es vor Verlangen nicht mehr bis nach Hause geschafft hat, das auf offener Straße übereinander herfällt. Und jemand hupte in der vibrierenden Dunkelheit, die Inès umgab. Weil ihn so viel Leidenschaft in der Öffentlichkeit verwirrte. Oder derart verderbtes Treiben missfiel. Wer weiß, auf alle Fälle erlöste dieser lang gezogene vorwurfsvolle oder animierend gemeinte, Beifall spendende, Unmut verkündende Ton Inès aus ihrer Verwirrtheit. Und ihr wurde mit einem Schlag klar, dass kein Krieger sie jetzt retten würde. Nicht in diesem Moment, in dem irgendein Blödmann glaubte, sich wieder einmal alles erlauben zu können. Und sie tastete nach dem Schlüsselbund in ihrer Jackentasche. Und eben dies stieß sie dann mit all der ihr zur Verfügung stehenden Kraft gegen seine Schläfe. Und als der Typ überrascht zurückwich, schlug sie mit der Faust vor seinen Kehlkopf, zog mit den Schlüsseln in ihrer Hand über sein Kinn, trat ihm dann mit der Hacke vors Knie, vors Schienbein. Und weil er sich nicht wehrte, wirklich gar nicht wehrte, auch nicht schrie oder stöhnte, weil Inès nichts mitbekam, trat sie so lange auf ihn ein, bis endlich ein Auto am Straßenrand hielt. Und ein Mann ihr zu Hilfe eilte. Da war er endlich - der heldenhafte Retter. Der Inès von ihrem inzwischen übel zugerichteten Angreifer wegzog, sie im Arm hielt, bis sie sich aus ihrem flirrenden Wahn zurückzog und beruhigte. Und Inès kam wieder zu sich. Und lächelte ihn dankbar an.  


    


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Kommentare:

  1. das, finde ich, ist ein sehr wertvolles Foto.

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  2. Nun, es ist verruckelt ... Allerdings in der Tat so, wie ich es ganz gern mag. Und überhaupt - Bilder erzählen so viel mehr als Wörter, weil sie so viel offener sind. Weiß - die mit Leidenschaft verruckelnde Meister-Knipserin...

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  3. EXAKT. Und. Wenn ich's mir wieder lange genug überlege ... Eigentlich ist das da oben ja doch eher Wahrnehmung? Variation von Offenheit? Bonne soirée ...

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  4. ich denke, die Autoroute denkt scharf darüber nach, was da auf sie zukommt. Man hätte ja auch zuhause bleiben können.
    Oh nein, man sucht Scherereien.

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  5. Zuweilen durchaus! Da kommt's wie's kommt. Aber längst nicht immer! Heute zudem schien mir die Route recht zuversichtlich, aber ich blieb argwöhnisch. Und bitte! Nun? Nur noch ein paar Meeresfrüchte, eine Dusche und ein Bett pour moi! Sollen doch die andern krawallig ... in den Mai?
    Und dann? Im Mai wird alles Wonne?
    Bis dahin ...

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