Mittwoch, 9. April 2014

Der Altar


Eines Tages, obwohl Inès von sich selbst behaupten würde, sie sei nicht gläubig, entschloss sie sich zu einer Wallfahrt, pilgerte an einen der Orte, an dem die Mutter Gottes immer wieder das barmherzige Gespräch zu ihren Kindern sucht. Keine einzige dieser zahlreich belegten Marienerscheinungen soll die Kirche jemals anerkannt haben. Das gefiel Inès mindestens so gut wie den nicht abreißen wollenden Massen von Gläubigen, mit denen sie anreiste. Inès erklomm gemeinsam mit ihnen einen Berg, auf dem ein Kreuz steht, sie ließ sich von sonderbar überzeugenden Erzählungen von intimen Gesprächen mit Maria, von Berichten über Wunderheilungen verführen, und beichtete all ihre Sünden in einem lichtschattigen Kabuff. Trank darauf ein Glas geheiligtes kaltes Wasser in einem einzigen langen Zug. Unterdrückte ein leichtes Aufstoßen und ... Stellte - kaum wieder daheim - eine geweihte Opfergabe, eine Kerze auf einen Tisch in ihrer Küche. Und seither vergisst sie nie, einen Strauß frischer Blumen auf eben diesen Tisch zu stellen. Einfach auf den Tisch, der Atmosphäre halber, oder neben die Kerze platziert, das ist schwer zu sagen. Ebenso unklar ist, wieso sie vor Wochen den halbvollen Flakon eines Herrenparfums dazugestellt hat. Noch nie habe ich ein Herrenparfum an ihr gerochen, ganz sicher nicht Chanel. An dem Kerl mit dem markanten Kinn indes, der sie an dem Abend im Arm hielt, als ich die beiden auf dem Gehweg unter einer Straßenlaterne überraschte, schon. Ich weiß, dass es sein Duft ist in dem Flakon auf dem Tisch. Und ich weiß, dass er längst gegangen ist.



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