Montag, 21. April 2014

Das Ohr


Immer auf der Suche nach Abwechslung, noch nie ein Freund stupider Arbeit oder schlimmer noch - der Langeweile, versuchte Inès sich in jungen Jahren in einer Menge unterschiedlicher Jobs. Eine Zeitlang, sie lebte in einer großen Stadt, arbeitete sie in der Bibliothek der Universität, was ihr unter ihren Bekannten ein ganz neues Ansehen, zutiefst beeindrucktes Nicken einbrachte. Ort des Geistes und der Wissenschaft. Treffpunkt der Dichter und Denker. Doch auf ihre neue Arbeitsstätte angesprochen, lachte Inès nur, denn Akademiker? Das hatte sie längst in einigen selbstlosen Experimenten herausgefunden: “Das sind ganz arme Schweine!” 
Was sich indes wirklich gut traf, waren die lockeren Sitten im akademischen Milieu. Nicht selten wurde mehrfach im Monat bereits morgens schon heftig angestoßen - mit Sekt - auf einen Geburtstag, ein Jubiläum, oder irgendeinen anderen, zuweilen recht zwielichtigen Anlass. Doch niemand stellte Fragen, niemand wollte die Feierlust hinterfragen, die Chefin vom Dienst schon gar nicht. Lieber erhob man “Cin Cin” das Glas. Und dann gleich noch eins. Und so saß Inès nicht selten morgens um halb zehn bereits recht angeheitert hinter ihrem Schalter und scherzte mit den wissenshungrigen Studenten, die schon seit Stunden über ihren Büchern hockten.
Doch eines Tages, vielleicht hatte sie nicht ausgiebig genug gefrühstückt, vielleicht nicht ausreichend beim Bütterchen-Buffet zugelangt, beschlich sie ein entsetzliches Unwohlsein nach dem dritten Glas Sekt. Und - “Wenn du dir den Magen verstimmt hast, schon dich lieber”, wurde Inès von ihren fürsorglichen Kollegen umgehend nach Hause geschickt. Kaum an der frischen Luft, ging es ihr jedoch sogleich besser, und so spazierte sie durch die Straßen der Stadt, genoss den ihr so unerwartet geschenkten freien Morgen. Bis sie plötzlich vor einer Absperrung stand, vor der ein Mann den Verkehr umleitete. Ein schwerer Unfall, ein Wagen war in mehrere Passanten gerast, erzählten Augenzeugen detailliert und bereitwilliger, als man denken könnte - wie aufgeputscht, wie unter Schock. Und ein Mann in oranger Hose und weißem Shirt rief etwas und machte Handzeichen, die womöglich nicht Inès gegolten haben. Dennoch winkte man sie durch. “Sie gehören dazu? Presse? Ja?”, fragte ein Polizist, hob das provisorisch gespannte Band und hatte sich längst wieder abgewandt, als Inès zögerlich zum Ort des Unfalls schritt. Und jemand drückte ihr einen Infusionsbeutel in die Hand, und Inès hielt ihn in die Luft. Und sie sah nicht auf das verdrehte Skelett vor ihr, nicht auf die weißen Knochen, die durch die Haut ragten. Und sie bemühte sich ebenfalls nicht auf das zu achten, was da so hellrot, so matschig aus dem Bauch quoll. Wie in einem leichten Nebel, als hätte sie noch ein, zwei weitere Gläser Sekt getrunken, breitete sich ein gnädiger Schleier vor ihren Augen aus, stieg auf und ummantelte sorgsam ihr Gehirn. Bis der Mann, der hier das Kommando hatte, seine blutverschmierten Handschuhe in die Höhe hielt und sagte: “Das war’s hier. Nix mehr zu machen.” Und bevor er sich weiteren dringlichen Aufgaben widmete, sah er Inès in die Augen. “Was für ein aufregender Beruf”, dachte Inès und lächelte. Und eben diesen Gedanken sprach sie aus, als sie sich am nächsten Abend mit Vincent, dem Notarzt, in einer Kneipe auf ein Glas traf. Und fast ein Jahr ging Inès in recht regelmäßigen Abständen mit Vincent aus. Und niemals versuchte er, sie zu küssen, oder wie beiläufig seine Hand auf ihre zu legen. “Was läuft schief? Ist er schwul?”, fragte Inès beste Freundin besorgt, denn davon war sie überzeugt, es musste ein großes Glück sein, einen Arzt zu heiraten. Oder - zumindest mit ihm liiert zu sein. Ihn irgendwie ins Bett zu kriegen. “Oh nein”, sagte Inès und lachte. “Gar nichts läuft schief. Er braucht einfach nur jemanden, der ihm zuhört.” Und weil Inès gesehen hatte, wie beherzt Vincent loslegte, wenn es galt, Leben zu retten, wusste sie, warum das so war. Und selbst jetzt noch, nach all den Jahren, ruft er sie zuweilen an, um ihr etwas zu erzählen.
Und Inès ist nur allzu gern bereit, ihm zuzuhören





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