Montag, 14. April 2014

Brutal


Ist es wirklich schon wieder ein Jahr her, dass wir nach Berlin wollten. Dann aber lieber nach Holland gefahren sind. Und in der Tat ist es nicht bald wieder Zeit, gute Seeluft zu schnappen? Am Ort der Glückseligkeit - dem Strand? Wo es immer unendlich viel zu tun gibt? Früher hatte ich eine Mission, ich habe sehr gewissenhaft Quallen gerettet. Die werden vom Meer in den Sand geschwappt und sterben am Ende dort elendig. Also? Sollte man sie schnell zurück ins Wasser tragen. Das ist mindestens so wichtig wie? Regenwürmer von der Straße bringen, Schnecken von der Fahrbahn nehmen, Spinnen in einem Glas aus dem Haus tragen usw. Artenschutz eben! Und dann passieren Dinge, schreckliche Dinge, mit denen man nicht gerechnet hat. Erwachsene langweilen sich und knüpfen Kontakte, unterhalten sich miteinander, finden sich sympathisch. Und Kinder? Müssen sich dann gleich auch anfreunden. Sonst gibt es schnell Ärger. Also stehe ich vor einem kleinen Knilch und sage: "Und? Was solln wir machen?" "Wir buddeln ein Loch!", sagt der, und mir kam es gleich sonderbar vor, denn ein Loch buddeln? Ist irgendwie stupide. "Keine Sandburg?" "Nein, wir buddeln ein Loch." "Mit meinem Paps habe ich gestern einen Neptun gebaut. Mit ganz viel Tang auf dem Kopf?" "Was habt ihr gebaut", fragt der Typ, und das war ja klar. "Neptun. Den kennst Du nicht. Das ist ein Gott." Und weil ihn das nicht interessiert und er schon fleißig bei der Arbeit ist, leg ich auch mal los, warum nicht. 
Doch kaum ist das Loch fertig, man ahnt es ja, die kleinen Sadisten sind überall, nimmt er sein Eimerchen und sucht Quallen. "Die Biester vergraben wir! Der endgültige Tod!", sagt er und wirft eine erste Fuhre in sein Massengrab. In das Loch, das ich mitgebuddelt habe. Ohne vorher von dem brutalen Plan in Kenntnis gesetzt worden zu sein. Und ich überlege nicht lange, sondern widerspreche, denn die Quallen sind meine Freunde. Und nach einem ganz kurzen Wortgefecht nehme ich die kleine rote Schaufel, stoße sie ihm vor die Brust. Und er stürzt rückwärts in sein dämliches Loch. Und? Weil er so viel Dinge nicht weiß, weiß er auch nicht, dass auch kleine Jungs nicht weinen, und so heult er gleich los. Und ich, Retterin der Medusen? Bekomme schrecklichen Ärger, denn ich bin ein böses brutales Mädchen? Und bekomme Stubenarrest - mitten im Urlaub! Weil ich mich auch nicht entschuldigen will - bei dem Knilch. "Nein, mach ich nicht. Der ist doch bekloppt, der Blödmann. Ja, dann geh ich eben in meine Zimmer. Mir doch egal." Und so weiter. Und sollte mir demnächst so Entsetzliches am Strand erneut widerfahren, weiß ich inzwischen, die Homöopathie, die sich ja allem Elend zuwendet, kennt auch ein Mittel gegen extremes Gerechtigkeitsempfinden. Mal sehen, ob's mir was hilft. Oder den fiesen Lümmels, die keinen Respekt vor Lebewesen... Und so. Wobei - wenn wir alle Solipsisten, wie sagt man denn - wenn jeder allein das einzige wissende Ich - wäre, also ich natürlich zunächst einmal - müsste ich mich mit solch brutalen Typen überhaupt abgeben? Die streich ich einfach. Aus meinem Horizont? Denn wir wären ja alle allein? Und ja, wenn Alleinsein auch nichts als eine Phantasie wäre ... Und was sagt eigentlich der Verstand? Macht der grad wieder Pause? Wie so oft? Sag mal, Monsieur? Hattest du nicht auch mal nebenbei Philosophie studiert? Ist schon so lang her? Tja.


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Kommentare:

  1. vielleicht besser kein Solipsismus, wenn man sich selber nicht sehr sehr traut

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  2. Wohl wahr, für die Argwöhnischen scheint er bei näherer Betrachtung doch eine eher heikle Angelegenheit...
    @

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