Montag, 14. April 2014

17 nach 4


“Ist er das?”, sagte Stefan noch am selben Abend, als er sich in Inès Bett aufsetzte und in einer Schaffenspause interessiert nach dem Wecker auf der Nachtkonsole griff. “Ist er”, sagte Inès. “Das Biest, ist er stehen geblieben?”, fragte Inès, der Stefan mit den braunen Augen wirklich gut gefiel. Nachdem sie sich morgens in der Früh auf der Bank der Augustinermönche ein wenig angefreundet hatten, nachdem sie in dem kleinen Café am Eck ein Croissant geteilt und einen Kaffee getrunken hatten - der Genauigkeit halber sei angeführt, dass Inès eine Tasse heißes Wasser zu sich nahm, "das entschlackt", lächelte Stefan Inès an. So hieß er nämlich der schlafende Mann von der Bank, und er brachte sie bis an die Pforte des Bürogebäudes, wo er ihr zum Abschied höflich die Hand schüttelte. Und als Inès in den Mittagsstunden ein Fenster öffnete, um frische Luft in ihre kleine dunkle Computerecke zu lassen, sah sie ihn an der Straßenecke stehen. Und jedes Mal, wenn sie von da an wie beiläufig einen flüchtigen Blick auf die Straße warf, stand er dort - mit seinen engen Hosen und dem schwarzen Schlapphut, die Gitarre in der Hand. Ein Musikant an einer Straßenecke - nichts Außergewöhnliches. Und er stand immer noch da, als Inès gegen viertel nach vier das Bürogebäude verließ und auf ihn zuschlenderte. Und spontan schloss er sich ihr zu einem kleinen Spaziergang an, begleitete sie bis zu ihrer Wohnung, wo er sich widerstandslos direkt in Inès Bett ziehen ließ, so dass man sich gemeinsam an der Erforschung des Mysteriums der Lust betätigen konnte. Und Stefan zeugte drei Kinder, drei Jungen - nicht alle in der ersten Nacht, aber zumindest die ersten beiden recht rasch hintereinander. Und er blieb, ganze zwölf Jahre blieb er und versuchte auch im dritten Anlauf vergebens doch noch eine Tochter in die Welt zu setzen. “Ich kann eben nur Jungs”, sagte er stets, wenn man ihn auf sein Versagen ansprach. Und Inès seufzte und kümmerte sich um ihre vier Männer. Und Stefan blieb sogar, als Inès sich eines Tages kopflos in einen anderen verliebte und ihn und die Jungs überstürzt verließ. Aber von all dem Glück, der drohenden Dramatik wussten die beiden noch nichts - in dieser ersten Nacht. “Meinst du, er hat geklingelt?”, fragte Inès und schaute auf den Wecker. Und Stefan zuckte die Achseln. “Auf alle Fälle”, antwortete er,  “ist er stehen geblieben. Um 17 Minuten nach vier. Ich schätze, da bist du … Bist du da aufgesprungen? In Panik? Und zu mir gelaufen?”



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