Donnerstag, 15. August 2013

Die Regel


Lou und Nani lassen es am nächsten Morgen langsam angehen. Denn nichts ist schöner, als nach einem heftigen Unwetter und einer gründlichen Versöhnung, Hand in Hand zufrieden durch die Stadt zu schlendern. Und dann bestätigt die Ärztin zögernd, was Nani hören will. Alle schauen auf den Bildschirm. Und ja, bereits beim letzten Termin schien einiges dagegen zu sprechen, dass dort ein kleiner Mann heranwächst. Genau wie heute. Aber Nani ist skeptisch, denn Vertrauen ist etwas, dass man sich im allgemeinen einfach nicht leisten darf. “Zu wie viel Prozent ist das sicher?”, fragt er daher. Und die Ärztin wiegt den Kopf. Nun, Irrtum immer eingeschlossen. “Mädchen”, sagt sie und zwinkert Nani zu, “sind nun einmal immer etwas komplizierter als Jungen. Da kann man nichts machen. Von vornherein.” Und Nani nickt geistesabwesend. Erkenntnisse, wie sie das Leben lehrt. Doch. Wenn Unsicherheit den Keim des Zweifels nährt, werden die Dinge im Laufe der Zeit unerträglich. Und Nani ist längst nicht bereit, die Segel zu streichen. Also - obwohl er sehr wohl weiß, was er weiß, und weiß, was Max mit seinem Gerede bezweckt … Fragt er nun: “Der Geburtstermin, der liegt ja nun schon so - plus, minus - fest.” Und die Ärztin nickt und will zu einer allgemeinen Erläuterung über die menschliche Natur, die Wissenschaft und sonstige im tiefsten Grunde unkalkulierbare Kräfte ausholen. Doch Nani konzentriert sich auf das Wesentliche, und fährt fort. “Was ist mit dem Zeugungstermin. Wie genau kann man den berechnen?” Und Lou, die nicht unbedingt auf den Kopf gefallen ist, richtet sich auf, greift nach einem Tuch, um sich das dämlich Gel vom Bauch zu wischen - genug für heute in sie hineingestarrt - und sagt: “Der liegt mindestens 1½ Monate nach meinem letzten Treffen mit Max. Ganz egal, wie ungenau sich das ausrechnet, kann er es nicht gewesen sein.” Und die Ärztin nickt bekräftigend, denn nun versteht sie, auf was das hinausläuft. Nichts Ungewöhnliches, argwöhnische Väter, Männer, die jede Beteiligung an der Zeugung abstreiten sind - präsent oder nicht präsent - keine Seltenheit in ihrer Praxis. Allerdings kam ihr das Paar Rosier/Lambert bislang überaus glücklich und frisch verliebt vor. Aber nun. Leidenschaft. Noch etwas völlig Unkalkulierbares. “Und solltest du dich irgendwann mal für meine Meinung interessieren”, fügt Lou gereizt an. “Du hast es an unserem Strand gemacht. Wir haben es an unserem Strand gemacht. Sie gemacht, weil es eine Sie wird, egal, was man da sieht. Sie ist eine Sie, ich weiß es. Gleich beim ersten Mal, gleich nachdem du mir den Ring an den Finger gesteckt hast, ist es passiert.” Und Lou hält ihren Delfinring hoch. Schaut finster und erhebt sich von der Liege. Und die Ärztin hilft ihr und nickt eifrig, denn - ob man will, oder nicht - Mütter, Menschen, selbst Männer, auch wenn sie es oft nicht wahrhaben wollen, spüren Dinge. Und so ein sechster Sinn, die Intuition, sieht manchmal klarer als all das, was das Gehirn rational verarbeiten kann. “So. Schön”, sagt die Ärztin, denn letztlich ist es dann doch immer angenehmer, wenn Ehepaare ihre privaten Probleme nicht in ihrer Konsultation austragen. “Dann wär’s das für heute.” Und Nani nickt kleinlaut. Und Lou nickt. Und zieht sich an. Und nimmt im Hinausgehen Nanis Hand, denn immerhin - sie selbst hat es auch erst vor kurzem gelernt: Wissen ist Macht. Weil. Nicht-Wissen viel zu viel Risiko bedeutet.
Und so schlendern sie wieder durch die Stadt, denn Lou will: eine Waffel, ein Croissant. Und einen Eiskaffee, bevor Nani sie zur Arbeit fahren wird, weil sie schließlich nicht nur Bauch-Schieben, sondern auch noch ein wenig Geld verdienen muss - für die Familie. Und so schlendern sie, sein Arm um ihre Schulter gelegt, durch die Straßen, und schlendern um eine Kurve und stehen - solche Dinge passieren, ob man es will, oder nicht, selbst in großen Städten - vor Max. Und Max kneift die Lippen zusammen und legt seinen Arm um Mimis Hüfte, zieht sie an sich. “Hey”, sagt Nani, “alles wieder klar?” Und er grinst und stellt sich schräg hinter Lou, sein Faust auf ihrer Schulter. Denn gestern Abend, sehr spät, im Nachhinein, hat er es wieder verstanden, er hält die besseren Karten in der Hand. Er muss seinen Trumpf nur ausspielen. Schließlich ist er Partner. Irgendwie. Vom Boss. Und Max. Ohne ihn? Eigentlich? Nichts! Rein gar nichts. Und Lou starrt Mimi an, die anscheinend wirklich immer auf Abruf bereitsteht. ‘Tja. Wie erbärmlich ist das denn’, denkt Lou und wirft Mimi einen Blick zu. “Wie schön”, sagt sie dann. An Max gerichtet. “Was für ein Zufall.” Und Max nickt und lächelt angestrengt. “Wie geht’s Prinzessin?”, sagt er. Denn Prinzipien sind - gnadenlos - Prinzipien. Und klein kriegen, lässt sich nur der, der sich klein macht. “Danke. Gut”, sagt Lou und lächelt. Und Nani lächelt auch. “Es wird ein Mädchen”, sagt er. “Wir werden sie Delphine nennen.” Und Lou ergänzt: “Anais Delphine”, und Nani strahlt. “Genau. Anais Delphine. Wir kommen gerade vom Arzt. Weißt du, Max, Familie”, sagt Nani. “Familie ist echt das Beste. Das solltet ihr zwei auch mal probieren. Ihr seid doch schon so lange zusammen. Seit der Schulzeit. Irgendwie”, sagt er. “Das bedeutet doch was”, sagt er. Und das sich gegenüberstehende Quartett lächelt. Da Wörter, Nani macht einen ersten Testlauf, den Gegner zuweilen weitaus härter treffen als Schläge. Weil sie verheerenderen Schaden anrichten können. Durchaus. Die Kunst des Krieges ist komplex. Aber die wichtigste Regel kostet Nani gerade voll aus: Zweifle nicht! Sei glücklicher als dein Gegner. Und lass es ihn wissen.




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