Dienstag, 13. August 2013

Die Nacht


Und grinst noch immer, sogar wesentlich breiter inzwischen, nachdem er sich einige weitere Gläser Weizenbrause genehmigt hat, um sich dann endlich doch auf den Nachhauseweg zu begeben. Manchmal laufen die Dinge eben, obwohl es gar nicht danach aussieht, einfach wie von selbst. Und dann werfen einen auch kleinere Ärgernisse wie der Zusammenstoß mit Max heute Abend nicht aus der Bahn. Und so grinst Nani noch immer, als er das Treppenhaus betritt. Und runzelt die Stirn, denn bereits unten, im Erdgeschoss, kann man hören, dass Lou sich zu inzwischen recht fortgeschrittener Stunde eine ordentliche akustische Dröhnung verpasst. Sich. Und den Nachbarn, so wie Lou die Anlage aufgedreht hat. Die Wohnung allerdings, als Nani die Tür aufschließt, liegt in völliger Finsternis. Ein kurzer Blick in die Küche: alles blitzblank, Lou gibt sich wirklich Mühe. Oder sie hat einfach nicht gekocht, was auch einen Gedanken wert ist. Zweiter Blick in das Wohnzimmer, in dem immer noch ein Sofa steht, das Babacar ihnen gebracht hat. Und auf dem liegt Charlie Cooper und schnarcht. Das lässt einerseits enorm an seinen Wachhund-Qualitäten zweifeln, beweist aber andererseits auch, dass dieser Hund Nerven wie Stahl haben muss. Wenn er sich bei diesem fortissimo Klangerlebnis im Reich der Träume bewegen kann. Und Nani geht zur Anlage - Weisheit des Alters, Erbarmen mit den Bewohnern unter ihnen, was für ein Wunder, dass sich noch niemand beschwert hat - und stellt die Musik leiser.
Und das ist jetzt wirklich der Gipfel! Von allem. Also? Erklingen umgehend laute Äußerungen des Unmuts. Zumindest aber ist es so ein Leichtes, Lous Standort auszumachen: Folge dem Gemaule. Und als Nani in der geöffneten Tür des Schlafzimmers steht, segelt sogleich aus dem Dunkeln ein Kissen, eins dieser kleinen, harten, mit denen Lou neuerdings ihren Rücken abstützt, Richtung Nanis Kopf. Aber Nani sieht es und fängt es rechtzeitig ab. “Scheiße”, sagt Lou. “Stell sofort die Musik wieder lauter. Und dann? Verpiss dich!” Nani, das Kissen in der Hand, geht trotzdem auf sie zu. Lou hat die Fenster geschlossen, die Nächte werden langsam kühler, aber sie hat nicht die Vorhänge zugezogen. Und wenn man sich ein bisschen an die Dunkelheit im Raum gewöhnt hat, sieht man sie ganz gut, im Mondlicht, mit zerzaustem Haar, in einem seiner T-Shirts, auf dem neuen Bett sitzen, und sie hört nicht auf zu maulen. “Echt. Du wolltest dich nicht mehr prügeln. Aber. Scheiß doch auf Versprechen! Und wieso anrufen, wenn man mal vorhat, die ganze Nacht nicht nach Haus zu kommen. Und ich sitz da - wie bescheuert - mit dem Essen, muss mit Coops noch los…” Und Nani nickt, denn der Hund ist seine Aufgabe. Und den hat er völlig vergessen. Und ganz ehrlich? Lou? Hat er auch vergessen, nach dem Anruf. “Schon gut”, sagt er. “Tut mir leid, du hast ja recht. Tut mir leid. Aber - wenn du mit Maria gesprochen hast, dann weißt du aber auch, dass ich mich nicht geprügelt hab.” “Interessiert mich doch nicht”, sagt Lou. “Einen Riesen-Scheiß interessiert mich das. Mach du doch, was du willst. Ich wollt nur wissen, ob du mit dem kleinen Flittchen durchgebrannt bist.” “Mit Janina? Der Bedienung?” Nani lacht. “Komm”, sagt er, “sie ist jung, lass sie n‘bisschen träumen, sie ist -.” Lou nimmt ein weiteres der kleinen, harten Kissen, gutes Kampfgerät übrigens, holt aus und trifft Nani am Kopf. “Arschloch! Ich bin auch jung. Und nur weil du unbedingt sofort Kinder haben musst, hock ich hier im Dustern. Ich könnt sonst auch - nachts mitm Arsch durch die Gegend wackeln. Und rummachen.” Und diese Tatsache ist Nani, der hart am Ohr getroffen wurde, was wirklich weh tut, durchaus bewusst. Und er sieht Lous Augen im Dunkeln funkeln. Die Frau ist sauer. Wirklich. Und eifersüchtig. Auf so einiges. Also? Besser einlenken. Oder. Ablenken. Er legt die Kissen beiseite, stützt sich mit einem Arm über ihre Beine, betrachtet sie im Mondlicht, wie schön sie ist, wenn sie wütend wird. Und er wehrt einen neuen Kissenschlag ab und fragt: “Ist morgen also unser Termin?” “Bemüh dich nicht”, sagt Lou. “Ich schaff’s auch ganz allein bis zum Arzt. Den Rest mach ich ja auch allein. Vielleicht schläfst du dich lieber aus, erholst dich von deinen anstrengenden Nächten.” “Morgen früh, um zehn? Da sehen wir endlich, ob es wirklich ein Mädchen wird”, sagt Nani, der - seit er mit Lou zusammen ist - nicht mehr ganz so felsenfest davon überzeugt ist, dass wirklich nur Jungen Ärger machen. “Und weißt du?”, fährt er fort. “Es gibt noch mehr gute Neuigkeiten.” “Noch mehr?”, sagt Lou naseweis. Denn. Wo bitte war bislang etwas positiv? An dieser verfluchten Nacht? Und Nani ignoriert sie. “Bei mir nehmen die Dinge nämlich auch langsam Gestalt an”, sagt er und grinst. “Ich bin bald wieder richtig im Geschäft, verlass dich drauf!” Und Lou schweigt, denn eine heftige Rempelei mit Max scheint ihr eher ein ungünstiger Einstieg zu sein - zurück ins Geschäft. Und manchmal hat Nani einfach einen merkwürdigen Blick auf die Dinge. Und von seinem erfolgsresistenten Optimismus hat sie langsam auch genug. Denn würde Papa Lambert sen. momentan nicht praktisch alles zahlen, säßen sie mit ihrer Schwangerschaft und ihrem kleinen Gehalt ganz schön tief in der Tinte. “Verlass dich drauf”, sagt Nani, stützt sich ab, schiebt den Oberkörper vor und küsst sie. “Das läuft!” Und küsst sie. Und das sind Argumente, denen Lou noch nicht gelernt hat zu widerstehen. Ja, Dreitagestoppel, Bierfahne, Zigarettenqualm - das Leben ist seltsam. Ganz besonders in der Versuchung. “Alles wieder klar?”, sagt Nani. Und Lou schweigt. Immer noch trotzig. Aber er weiß halt, wie’s geht - Widerstand zwecklos. Also? Küsst er sie. “Gut”, sagt er dann. “Wir machen’s so, wie du’s durchs Haus hast hallen lassen. Hab ich gehört. War ne klare Ansage! Der Käptn springt nur schnell noch unter die Dusche, Baby. Und du machst dich schon mal startklar - zum Abflug. Bin gleich wieder bei dir.” Und bevor er geht, küsst er sie.          



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