Sonntag, 4. August 2013

Die Erinnerung


Am späten Nachmittag sitzt Lou Fabrice im Hinterhof eines kleinen Cafés gegenüber und beobachtet verstohlen, wie er entschlossen in seinem Espresso rührt. Ihr hat er - ohne sie, wie es sonst seine Art ist, umständlich zu befragen - einen Rotwein bestellt. Und nun greift Lou nach dem Glas, Geste des Entgegenkommens, und nippt an dem Wein, den sie nicht mag. "Santé!" Auch wenn ihr alles, ein Bier, selbst ein stilles Wasser lieber gewesen wäre. Doch. Irgendetwas stimmt nicht. Heute. Mit Fabrice. Und so nimmt sie im Zweifel die Dinge, wie sie kommen. Und will dennoch wissen, was. Sich da zusammenbraut. Also?
Bricht sie das Schweigen. “Was gibt’s denn nun? Wieso wolltest du mich so dringend sprechen? Du weißt, dass ich noch sauer bin - wegen der Fotos …” Und Fabrice legt endlich das Löffelchen zur Seite und hebt beschwichtigend die Hand. “Schon gut”, sagt er. “Es tut mir leid. Aber es musste sein. Der Anwalt braucht ein Gesamtbild von dem, was vorgefallen ist. Er muss wissen, was du durchgemacht hast. Auch wenn du das anders …” Lou nickt. Auch wenn sie das anders sieht. Weil Fabrice zum Beispiel - gar keine Ahnung hat, was Lou durchgemacht hat. Weil Fabrice ein Stratege ist, der vom Schreibtisch aus operiert. Zugegeben, er ist ein gebildetes, cleveres Kerlchen, das auf seine ganz eigene Weise skrupellos vorgeht. Doch. Er ahnt ja nicht einmal, wie gewissenlos er ist, Effizienz, das ist sein Stichwort, und die schert sich nur um Opfer, wenn es in der eigenen Logik einen Sinn ergibt. Und so gesehen: Lou ist eine kleine, attraktive Frau. Die beschützt werden muss. Und? Außerdem gehört sie vor allem anderen zur Familie, sie hat dem Clan einen Enkel geboren. Und Fabrice, der von dem Leben, das Lou und Nani geführt haben, so viel Ahnung hat wie der Materialist von der Spiritualität, hält Lou für ein Opfer. Und sorgt sich um sie. Wie er sich - trotz allem - auch um Nani sorgt. Familie. Eben. Effizienz ist das Stichwort.
“Also”, sagt Lou und trommelt ungeduldig mit den Fingerkuppen an ihrem Glas. “Schieß los, was gibt’s?” Und Fabrice greift nach seinem Aktenkoffer, öffnet den Deckel und schiebt Lou einen Ausdruck über den Tisch. “Das”, sagt er, “wird morgen erscheinen.” Und Lou wirft einen Blick auf das Papier und schüttelt ungläubig den Kopf.
Und erinnert sich, wie die Zeitungen damals, weil jemand den Schmierfinken, denen einfach jede Story recht ist, einen Tip gegeben haben musste, zum ersten Mal über sie berichteten. Nani Lambert, unehelicher Sprössling der Kaufhaus-Dynastie Lambert - mit einem schwarzen Balken vor den Augen - wie er das Polizeirevier an der Seite eines Anwalts und seines guten Freundes Maxime Arras verlässt. Ein anderes Foto. Mit Lou - die ebenfalls mit einem schwarzen Balken im Gesicht nicht unkenntlich gemacht wurde: Lou hebt schwärmend den Kopf zu Nani, seine Hand, zur Faust geballt, liegt auf ihrer Schulter. ‘Sie hat ihn erst vor wenigen Wochen geheiratet’, steht unter dem Bild. Und über all dem - direkt unter der Sensations-Schlagzeile: ‘Unternehmer-Sohn: Hauptverdächtiger im Fall des verschwundenen Dominik F. ’ ein riesiges Foto von einem lachenden Dominik F.  
Kein guter Morgen, als die Tierärztin Lou den Artikel von Seite 3 unerwartet auf den OP-Tisch legt und sie fragend anschaut. Lou starrt auf die Fotos, liest: ‘Der dreißigjährige, uneheliche Sohn einer bekannten Kaufhauskette, Manuel K. (Name geändert),  soll das Opfer Dominik F. gefoltert und getötet haben. Die Hintergründe bleiben unklar. Die Staatsanwaltschaft muss wegen fehlender Beweise das Verfahren…’ Das Ganze gefolgt von einer rührseligen Geschichte über das Leben des lachenden Dominik F. Und Lou schüttelt den Kopf und schweigt. Schweigt den ganzen Tag, blass und eisern. Und da im Artikel durchaus erwähnt wird, dass es keine Anklage geben wird, dass die Befragung durch die Polizei zu keinerlei Ergebnis führte, dass Nani wohl vornehmlich aufgrund von Vermutungen, Fehlschlüssen und hässlicher Verleumdungen ins Fadenkreuz der Ermittlungen geriet, dass bislang die Leiche des Vermissten nicht gefunden wurde, und da Lou schwanger ist, nickt die Ärztin und schweigt ebenfalls.
Und in der Mittagspause sitzt Lou auf einer Parkbank und liest den Artikel, liest ihn noch einmal und dann noch einmal, weil sie nicht versteht, was dort geschrieben steht. Und sie betrachtet hasserfüllt das Foto des lachenden Dominik. ‘Der Typ kann nichts dafür’, sagt der Verstand, doch was will die Ratio im Gefühlssturm schon ausrichten. Und der will sich entladen, also …
Schaut Lou am Abend erneut auf einen Sprung bei Max vorbei. Mimi, die große Liebe, ist längst ausgezogen. Und die kleine Loulou, die Lou erst freudig und schwanzwedelnd begrüßt, verschwindet erschrocken unter einem Sessel, als Lou erneut zu einem Tobsuchtsanfall ansetzt. 
Denn. 
Wer ist Schuld? An dem ganzen Scheiß?
“Ich? Sicher nicht”, sagt Max. “Du glaubst doch nicht, dass ich -.”
“Wer denn sonst?”, sagt Lou und lacht hysterisch. “Ganz simpel. Du willst ihn loswerden, gib’s doch zu!”
“Nein”, sagt Max, bei dem der Kopf letztlich immer höher steht als der Schwanz. “So, auf alle Fälle nicht.”    


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