Mittwoch, 7. August 2013

Die Brüder


“Da hast du dir aber ein nettes Plätzchen ausgesucht”, sagt David, hebt Lous Beine, die über der Parkbank liegen, und setzt sich neben sie. Legt ihre Beine über seine Oberschenkel, tätschelt die Knöchel, die Fesseln, krault sie in den Kniekehlen. Das ist sein Tick. Ein Beinfetischist. Nichts, mit dem man sich nicht anfreunden könnte. Denn. Immerhin. Lous Beine, das weiß sie längst, haben Zauberkraft. Wenn nur der Rock kurz genug ist, der Absatz etwas höher - wird das Fahrgestell: zum Niederknien! Ja, so einfach ist das, wenn man früher viel geradelt ist. “Du siehst gut aus. Verdammt gut. So schwanger”, sagt David, der wahrscheinlich noch allzu gut Lous letzten Auftritt in seiner Wohnung in Erinnerung hat. Den Abend, als Lou vorher eine halbe Nacht Galle gespuckt hat, den Abend, als die Polizei Nani direkt nach ihrer Rückkehr aus den Flitterwochen abgeholt hat. Sie nickt, “Ouh ja, da ging’s mir nicht so gut”, sagt Lou und zwinkert. “Aber man erholt sich”, stellt sie fest. “Am Ende so ziemlich von allem.” Und da Lou nur dann Umwege einschlägt, wenn sie Sinn zu machen scheinen, und die direkte Strecke meist auch die kürzeste ist, sagt sie: “Du hast jetzt das Restaurant, stell Nani ein!” Und David starrt sie an, vergisst vor Verblüffung sogar, dass er seine Finger nicht von ihren Beinen lassen kann.
“Was für eine bekloppte Idee”, sagt er, denn manchmal vergisst die Logik die Höflichkeit - und. Nimmt die kürzeste Strecke. “Das kannst nur du dir ausgedacht haben!”, sagt er. Und Lou wirft ihm einen schmalen Blick zu. “Was soll Nani denn bei mir tun? Teller spülen? Kellnern? Ausbaldowern, wie wir am besten die Lieferanten abzocken?”, David lacht. Und sieht, seit Lou ihn
zum ersten Mal getroffen hat, seinem Bruder Max ähnlich. Und doch? Ist David der nette Junge von nebenan geblieben. Der Geld gemacht hat, klar. Aber der es locker angeht, das Haar verwuschelt, das Hemd schief geknöpft. David ist … David. Und bereits ein paar nackte Beine können ihn komplett aus dem Konzept werfen.
“Ihr drei, Max, du und Nani, ihr seid wie Brüder”, sagt Lou. “Das hat Nani mir selbst gesagt. Ihr seid zusammen aufgewachsen, ihr zwei seid seine Familie. Und. Es läuft grad nicht gut mit Max. Wenn er weiter in der Bar rumsitzt, und Max ihn ignoriert. Das geht nicht lange gut. Und mit seinem Vater, will er ja auch nicht.” Lou seufzt. “Bitte!”, sagt sie. “Red noch mal mit Max. Nani muss irgendwas tun. Irgendeinen Scheiß. Und Max weiß das und lässt ihn schmoren. Und ich weiß nicht, wie …” David nickt.
“Ja”, sagt er. “Schon klar. Bloß. Du hast da was völlig falsch verstanden. Du bist mit meinen Brüdern ins Bett gesprungen, klar. Du fickst beide”, sagt er, seufzt und ignoriert Lous bösen Blick. Beginnt lieber wieder ihr rechtes Bein zu massieren. “Nur mich willst du nicht”, sagt er und wiegt den Kopf. “Denn du bist ein kluges Mädchen. Du sortierst gleich aus. Mit einem Blick - erkennst du das Zentrum. Mit einem Blick, wo der Vorstand sitzt. Glaub mir, ich war auch da, an dem Abend, als du zum ersten Mal in der Bar aufgetaucht bist..
Erinnerst du dich? An mich? Hast du mich gesehen? Nein?”, David schaut Lou an. Und dann wieder. Überschätzt du mich. Maßlos. Leider. Ich bin nur der kleine Bruder von Max. Das Weichei. Nani hält mich für einen …” David zieht eine Grimasse. “Und Max.” Noch einmal. Dieselbe Grimasse. “Und weißt du was”, sagt David und lächelt triumphierend. “Sie haben recht. Ich bin’s gern - der Schattenparker, der Warmduscher. Klar, ich fahr auch gern heiße Schlitten, ich trink auch mal gern mit ner heißen Braut ein Käffchen. - Aber ich muss nicht gleich jeden abcashen, um zu beweisen, dass ich klüger bin als er. Mit Bleifuß die Karre schrotten, weil ich schneller bin. Und ich muss mich auch nicht ständig prügeln.” Er hebt die Hände. “Ja! Ich werf lieber das Handtuch, ich hab’s ausprobiert. Zieh immer den Kürzeren”, sagt er und rümpft in unrühmlicher Erinnerung die Nase. “Ich bin einfach nicht wie Max, der weiß, wie das Spiel läuft. Oder Nani, der sich einfach gern -.” “Prügelt”, sagt Lou.
“Aber ich liebe sie beide. Wie du”, sagt David und grinst, den Blick auf den Springbrunnen gerichtet. “Ja, sie sind meine Brüder. Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Und wir zwei wissen, was für feine Kerle die beiden sind. Nur in die Quere kommen, das sollte man ihnen nicht.”
“Wie dieser -,” Lou runzelt die Stirn, schiebt das Kinn vor: “Dominik F. zum Beispiel”, sagt sie.
Und David schaut sie an. 

“Tja”, sagt er. “Zum Beispiel. Wie der gute Dominik. Das arme Schwein.”
  

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