Freitag, 9. August 2013

Die Bar


Nani stößt die Tür auf, die er selbst erst vor kurzem neu eingesetzt hat. Weil Max die alte Tür eingetreten hat, als ihm zu Ohren gekommen ist, dass seine neue große Liebe mit seinem besten Freund durchgebrannt war.
War eine alte Tür, eine morsche Tür. Und Nani schiebt sich die Kapuze vom Kopf, er kommt vom Training, erschöpft, grüßt mit einem Kopfnicken die hübsche neue Kellnerin, die - sofort ein keckes Lächeln auf den Lippen - zurückstrahlt. Ja, die Kleine steht auf Nani und ist durchaus bemüht, das jeden wissen zu lassen. Nani grinst, tätschelt ihre Hüfte im Vorbeigehen, will kurz vorn nach dem Rechten sehen. Dort steht heute Abend die schöne Maria hinterm Tresen. “Ich dacht, ich schau noch mal kurz rein”, sagt er. “Wenn’s noch was zu tun gibt?” Und Maria lächelt. Ist er nicht ein guter Junge? Jeden Tag hockt er sich hier in der Bar den Arsch breit, zapft mal ein Fass an, schleppt ein paar Kisten Coca, repariert ein Fenster. Sieht gut aus, und am frühen Abend tauchen seit neuestem wirklich ein paar Mädels mehr auf und tuscheln hinter ihren Gläsern. Und gestern war der Abfluss in der Küche verstopft, und da waren tatsächlich alle endlich mal glücklich, dass Nani ganz neuer Stammgast ist. Von Max auf die eigene Strafbank verbannt.
Und Maria zapft ihm ein Bier. “Nein”, sagt sie. “Alles perfekt hier. Feierabend.” Und Nani nimmt sein Glas, zwinkert einer kleinen Rothaarigen zu, deren Freundinnen sofort anfangen zu kichern, und verzieht sich in die hinterste Ecke an eine der Maschinen. Schlürft sein Bierchen und drückt friedlich einen Knopf.
Und eine Hand legt sich auf seine Schulter. “Alles glatt gelaufen? Mit dem Anwalt?”, fragt die dazugehörige Stimme. “Komplikationslos”, sagt Nani, fährt sich durch sein kurzes Haar und grinst. “Die Sache ist durch. Die haben nichts gegen mich in der Hand. Weil ich ja auch nichts getan hab”, Nani dreht sich auf seinem Hocker, schaut Max nachdenklich an. “Wird auch langsam Zeit”, sagt er. “Dann kann ich jetzt endlich wieder richtig ins Geschäft einsteigen.” Max wiegt den Kopf. Bisschen früh für seinen Geschmack - die Rückkehr des gefallenen Engels. “Lassen wir … noch Gras über die Sache wachsen”, sagt er. “Warten wir noch etwas ab, damit ein wenig Zeit ins Land ziehen kann. Denn. In der Ruhe liegt die -. Und was die Geschäfte momentan brauchen, ist Ruhe. Stabilität und Gewinne. Wir sind auf einem guten ...” “Ich war doch dabei”, unterbricht ihn Nani. “Was ist mit den Belgiern? Kurze Wege, gute Ware, lass mich da weitermachen.” Und er schaut Max an.
Und der sagt. “Nein.” Und er meint, was er sagt. “Erst mal nicht. Erst mal ziehst du dir was andres an. In diesem Aufzug, im Trainingsanzug, kommt hier keiner rein. Personal schon gar nicht. Und dann kannst du noch n’bisschen kehren”, Max fährt mit der Schuhspitze über den Boden. Und dort liegt tatsächlich ein trockenes, braunes Blatt, das bei der Berührung zu Staub zerfällt. “Bevor du dich um die Prinzessin kümmern gehst. Mach sie glücklich, streng dich an, so lange sie dich will
.” Max seufzt. Im wievielten Monat ist sie eigentlich? Bist du dir sicher? Ganz sicher? Dass nicht doch ich den Samen eingepflanzt hab?” Und Nani versteht. Und rutscht vom Hocker. “Verstehe”, sagt er. “Verstehe. Du Wichser”,  und er packt Max am Schlafittchen. Zumindest - am Hemd, vorn, an der Brust. Und pfeffert ihn vor die nächste Wand. Und Max stöhnt. Und die schöne Maria taucht im Türrahmen auf und schüttelt missbilligend den Kopf. “Okay, Jungs”, sagt sie. “Jetzt ist wieder gut. Du”, sagt sie und zeigt auf Nani, “du gehst jetzt wieder spielen.” Und Nani - wie er es immer tut -, schiebt das Kinn vor, dehnt die Nackenmuskulatur, die Schultern, spreizt die Finger seiner Faust. Lächelt. Setzt sich mit immer noch glühenden Sicherungen an die Maschine. Drückt einen Knopf. Und lässt es klingeln.
“Und du”, sagt Maria zu Max, der damit beschäftigt ist, sein Hemd gerade zu ziehen, sich mit den Fingern die Frisur zu richten. “Du gehst jetzt einfach. Durch die Tür. Das wars für heute.” Und das ist - verständlicherweise - das erste Mal, dass jemand Max aus seiner eigenen Bar wirft. Und zunächst muss er deshalb über diese Ansage nachdenken. Aber die schöne Maria, das weiß jeder, ist ein schwieriger Verhandlungspartner. Und lässt bei schlechter Laune Widerspruch nicht zu. Also?
Spaziert Max erhobenen Hauptes. Aus seiner eigenen Bar. Rausgeworfen. Kopfschüttelnd.



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