Montag, 19. August 2013

Der Auftrag


Kaum hat Wolfgang seine imaginären Gegner im Hof bezwungen - “die hab ich allegemacht, die sind wir los”, ein Coup, den Lou mit einem Klaps auf den Hinterkopf würdigt, stürmt er los, um zu prüfen, ob die Luft auch im Treppenhaus rein ist. Als echter Held weiß er eben um die Gefahren, die überall lauern können. “Ja”, sagt Maria, “man weiß nie so genau, wo man auf den Feind trifft.” Und Lou nimmt ihre Taschen aus dem Kofferraum und stapft schweigend hinter Wolfgang her.
Kaum hat sie die Wohnungstür aufgeschlossen, begrüßt der kleine Kerl stürmisch Charlie Cooper, der den Nachmittag allein in der Wohnung verbringen musste. Und dann schaltet Wolfgang die Anlage an und stellt sein Lieblingslied auf volle Lautstärke, so wie auch Lou gern Musik hört. Laute Musik - noch etwas Tolles, das zuhause streng verboten ist. Und er tanzt dazu wild mit dem Hund durch das Wohnzimmer, und Cooper springt um ihn herum und bellt vor Freude. Endlich ist was los. Und Maria wiegt den Kopf. “Der ist ja schlimmer als meine”, sagt sie und Lou grinst. “Ja”, sagt sie, “er ist wild. Geh schon mal vor, ich komm gleich. Ich muss die Musik leiser stellen. Und ich hab ihm versprochen sein Shirt zu waschen.” Und Maria steuert mit Nana die Küche an. “Tinken!”, ruft die fröhlich. “Saft tinken!” Und Maria wippt sie beeindruckt auf ihrem Arm. “Du hast Durst, Schätzchen?”, sagt sie. Und Nana nickt ernst. Denn nichts ist besser, als etwas zu sagen. Und verstanden zu werden.
“Ist das auch wirklich von Nani?”, fragt Wolfgang und schaut an sich herunter. “Aber sicher”, bestätigt Lou. “Den hat er als kleiner Junge getragen, da war er nur ein bisschen älter als du. Als ich den damals gefunden habe, dachte ich, vielleicht kann Nana ihn mal anziehen. Später. Aber er ist ja viel zu groß für sie. Jetzt kannst du ihn erst mal haben. Aber. Beklecker ihn bloß nicht!”, sagt Lou warnend, und Wolfgang schüttelt mit großen Augen ehrfurchtsvoll den Kopf. Ein Pulli. Von Nani. “Cool”, sagt er und legt seine Faust auf Lous Schulter. “Danke. Kann ich DVD gucken?”, fragt er dann. Und klar, Lou nickt. “Aber erst liest du noch ein wenig Nana vor, bis sie eingeschlafen ist. Sie ist eh müde”, sagt Lou und zwinkert. Und Wolfgang nickt feierlich. Denn - wenn man ganz ehrlich sein will - Wolfgang kann noch nicht lesen, bislang kennt er nur ein paar Buchstaben. Aber er erzählt gern Geschichten. Und da Nana, die ihre Bilderbücher liebt, ihn immer ruft: “Wofa, Bubu”, hat Wolfgang eines Tages eins von ihren Büchern in die Hand genommen und Nana eine Geschichte erzählt, die von dem Hasen und dem Igel. Und Nana hat ihm mit großen Augen zugehört und in die Hände geklatscht. Und wenn man hin und wieder eine Seite im Buch umblättert, wie es die Erwachsenen tun, dann sieht es fast so aus, als könnte man tatsächlich schon lesen. “Und Kekse?”, fragt Wolfgang. Und Lou nickt. Und Kekse. Und Saft und ein Äpfelchen, in kleine Spalten geschnitten. Zum Knabbern. Und als Lou den beiden genau dies im Wohnzimmer serviert, liegen sie auf dem Sofa, und Wolfgang kitzelt seine kleine Braut. Und die lacht wie verrückt, lacht mit roten Bäckchen, und man kann ihre ersten kleinen Zähne blitzen sehen. Die unteren stehen etwas schief. Und Wolfgang lacht, dass man seine Zahnlücke sieht, auf die er sehr stolz ist. Denn langsam wird er erwachsen. Und ja, das Leben? An diesem Nachmittag? Ist perfekt.

“Er ist großartig”, sagt Lou zu Maria und setzt sich zu ihr an den Tisch. “Nani hat ihm gesagt, dass er auf Nana aufpassen muss. Sie beschützen soll, seine Mädchen beschützen soll, solang er fort ist. Und Wolfgang nimmt den Auftrag sehr ernst. Und er mag sie wirklich. Er ist wie ein großer Bruder für Nana. Er tut ihr gut. Sie lernt viel mit ihm.” Und dann schweigen die beiden Frauen. Bis Maria, die schließlich nicht zufällig vorbeigekommen ist, und genau wie Lou nicht gern fackelt, das Gespräch von vorhin wieder aufgreift. “Ich hoffe, es ist vom richtigen”, sagt sie und schaut Lou fragend an. Und Lou wirft ihr einen Blick zu. Denn. Natürlich ist es das. “Wann ist es passiert?” Nanis Vater kennt den Richter. “Wir haben uns ein paar Mal treffen können. Beratungen mit dem Anwalt. Er musste uns überraschend allein lassen. Wichtiges Telefonat. Naja.” Lou lächelt. “Und Max?”, setzt Maria ihr Verhör fort. Lou schüttelt den Kopf. Mit Max war sie während des Prozesses nicht zusammen, den sieht sie erst seit ein paar Wochen wieder. Und sowieso. “Er kann’s nicht sein.” Und Maria nickt. “Schön”, sagt sie. “Das ist gut. Aber. Du musst Nani öfter besuchen. Er braucht dich. Und die Kleine. Es geht ihm nicht gut. Er ist noch störrischer als sonst.” Maria denkt nach. “Aber die Nachricht wird ihm gut tun. Das Beste, was passieren konnte. Er hat ja schon einen Namen für sie. Wie soll sie noch heißen?” “Du warst bei ihm?”, fragt Lou. “Öfter als du”, sagt Maria. “Und du bist seine Frau. Und du liebst ihn.” Und Lou beißt sich auf die Lippe, zuckt die Achseln. “Ja, du hast allerhand abbekommen”, lenkt Maria ein. “Aber trotzdem. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man meinen, so wie du dich aufführst”, Marias Finger spielen mit dem Klatschblatt, “du hättest komplett vergessen, wohin du …” Und Lou hebt abwehrend eine Hand, denn … Den Scheiß kann Maria sich sparen.
Tut sie aber nicht.
“Alle reden über euch. Ich bin mir sicher, Max hat die Fotografen selbst zu sich bestellt. Die glückliche kleine Familie. Direkt vor seiner Haustür. Was glaubst du, was passiert, wenn Nani das in die Hände bekommt. Max wird nie Ruhe geben. Das ist seine Art von Humor. Jetzt. Da er so ein erfolgreicher Geschäftsmann ist. Und seine Vergangenheit ihn nicht mehr interessiert. Du kannst dich nicht mehr mit ihm treffen.” “Was geht dich das eigentlich alles an?”, fragt Lou und nagt wütend an ihrer Unterlippe. “Mehr, als du denkst”, sagt Maria, die ganze klare Vorstellungen hat und vor allem kein Problem damit, diese kundzutun: “Du wirst Nani besuchen. Und den Scheidungsantrag zurückziehen. So bald wie möglich. Ihr seid eine Familie. Vergiss das nicht.” Und Lou schießen die Tränen in die Augen. “Tschuldigung. Die Hormone”, sagt sie. Und dann: “Nein. Mach ich nicht. Ich mach nicht, was du willst. Ich kann ihn jetzt nicht sehen. Ich will Nani jetzt nicht sehen. Ich war für ihn da, während des Prozesses. Und ich liebe ihn. Ja. Aber ich will ihn jetzt nicht sehen. Und ich brauche Max. Und ja, es ist scheißkompliziert”, sagt Lou und beginnt zu heulen. Und Maria seufzt und reicht ihr ein Küchentuch. Und dann steht Wolfgang im Türrahmen, sieht die tränenüberströmte Lou und schaut Maria böse an. “Was ist hier los?”, fragt er in dem Tonfall, den seine Mutter immer anschlägt, wenn es im Kinderzimmer zu laut wird. “Was hast du zu ihr gesagt?”, fragt er. Und mustert Maria mit vorgeschobenem Kinn. “Du musst dich bei Lou entschuldigen. Sofort!”



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