Mittwoch, 10. Juli 2013

Die Philosophie


Dann steht sie wieder vor seiner Tür und diesmal muss sie nicht warten, er ist daheim. Sie klingelt, und kurz darauf öffnet sich die Tür. Lou steigt langsam die Treppen empor, denn an diesem speziellen Abend nimmt sie sich für alles etwas mehr Zeit. Entschleunigung, Zustand der Meeresstille, der jeder Verwirrung den Garaus macht. Hoffentlich.
Dann steht sie oben, auf der letzten Stufe, und er lehnt in der Wohnungstür, und Lou legt den Kopf schräg. “Drei kurz, drei lang, drei kurz. Mädchen in Not”, sagt sie. Und er nickt, dreht sich um, und Lou folgt ihm in seine Bude. “Du siehst beschissen aus”, sagt er und füllt Wasser in den Wasserkessel. “Wolltest du nicht heiraten?” Und Lou fährt ihre Faust aus und zeigt ihm ihren Ring. Er nickt. “Hübsch. Scheint dir aber nicht gut zu bekommen”, sagt er, “ - die Ehe.” Setzt den Kessel auf den Herd und stellt zwei Becher auf den Küchentisch. “Setz dich”, sagt er, “bevor du umklappst”, und Lou setzt sich. “Magen verdorben”, sagt sie. “Geht schon wieder”, sagt sie und ihre Finger spielen mit der Tasse. “Die Polizei war eben da. Die haben Nani mitgenommen”, sagt sie. Und David fragt: “Kamille?” “Bloß nicht”, sagt Lou. “Pfefferminz?”, fragt er, und Lou gibt ein Okay. “Und dann sitzen sie sich gegenüber, in seiner chicen Küche, auf seinen chicen Küchenstühlen, an seinem chicen Holztisch, vor ihnen die dampfenden Tassen. “Die Polizei war eben da. Die haben Nani mitgenommen”, sagt Lou erneut. “Und weshalb kommst du zu mir?”, fragt er, weil Klartext oft schneller zum Ziel führt. “Weil du ihm einen Anwalt schicken wirst”, sagt Lou, weil sie seine Taktik begrüßt. “Den besten. Selbstverständlich.” “Also, ich denke nicht, dass sie viel gegen ihn in der Hand haben. Und wenn man bedenkt, … Wahrscheinlich ist das nur - .”
“Ein lustiger Willkommensscherz von Max?”, sagt Lou. “Schon klar, die Idee ist mir auch schon gekommen. Hat er Freunde bei der Polizei?” “Wir haben überall Freunde”, sagt David. “Max spielt mit Anwälten Tennis, Max ist Geschäftsmann”, er grinst. “Einer mit vielen Geschäften,” sagt er. “Und alle florieren. Und sagen wir mal so - wenn man Nani, deinem Gatten, etwas anhängen will. Also, das gestaltet sich gar nicht mal so schwierig, wie man annehmen könnte. Er ist ja nicht grad ein Engelchen.” “Schon klar”, sagt Lou, die wieder einmal merkt, dass sie viel zu wenig über Nani weiß. Dass sie viel zu wenig über Max weiß, und Max - das ist etwas, was sie tatsächlich interessiert. Aber mit den Details von seinen besonderen Handelsaktivitäten wird sie sich definitiv erst später beschäftigen können. Denn. Nun gilt: Konzentration auf das Wesentliche: “Also? Wirst du? Den Anwalt schicken? Den besten?” David wiegt den Kopf. “Weshalb kommst du zu mir?”, fragt er erneut. “Du solltest zu seinem Bruder, der hat das Geld und die Connections.” Aber Lou schüttelt den Kopf. Fabrice soll ihr letzter Rettungsanker sein, sie hat ihn erst vor ein paar Stunden aus dem Casino angerufen, sie will sein Entgegenkommen nicht überstrapazieren. Und. Außerdem. Geht es im Grunde hier um etwas völlig anderes. Um die Klappe und die zwei Fliegen. Oder. Den einen Streich, der die Bösen gleich alle erwischt. Wenn man nur tapfer genug ist. Und deshalb sagt Lou:
“1. Hast du mir versprochen, uns zu helfen. Und.
2. Sind wir in so kurzer Zeit so gute Freunde geworden. Und ich bin so gern mit dir befreundet. Und.
3. Könnte ich sonst am Ende glatt Max erzählen, denn Max hat trotz allem eine kleine Schwäche für mich - wie viel Asche DU hinter seinem Rücken abgegriffen hast. Ist ja nicht so, dass Nani der Einzige ist, der seine Finger nicht aus dem Goldtöpfchen lassen konnte.”
David runzelt die Stirn. Denn Klartext führt tatsächlich oft schneller ans Ziel, als einem lieb sein kann. “Ihr redet also doch miteinander”, sagt er. “Ja, Scheiße, damit hast du nicht gerechnet”, denkt Lou. “Ganz selten”, sagt sie. “Zu außergewöhnlichen Anlässen, da vögeln wir nicht, da reden wir ein wenig. Und in seinen schwächsten Momenten und im Schlaf, da kommt es vor, dass Nani die geheimsten Firmeninterna ausplaudert. Na ja. Weißt du, Ekel, Liebe und Hass - das sind so starke Emotionen. Und doch bilden sie eine so enge Schicksalsgemeinschaft.” Lou lächelt, denn endlich ergibt der Philosophiekurs, den sie vor einigen Jahren im Sommer belegt hat, auch in ihrem Leben einen Sinn. Aber - Vorsicht. Lou will es nicht übertreiben, denn den eigenen Verbündeten will sie nicht überfordern. Ein bisschen einschüchtern, natürlich, Klartext, den Moment des Verstehens, des Triumphs auskosten. Den Moment. In dem er sagt: “Schon klar. Wird erledigt.” Und Lou nickt. Und findet: Das. War. Aber - so was von einfach.     



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