Sonntag, 14. Juli 2013

Die Parade


Am nächsten Tag steht Lou vor einer anderen Tür, vor einer, zu der sie einen Schlüssel hat. Immer noch. Auch wenn sie den nie benutzt hat. Und auch nicht die Absicht hat, ihn jemals in das Schloss zu schieben. Also klingelt Lou und wartet.
Und dann öffnet er die Tür und steht vor ihr: Grauer Anzug, maßgeschneidert, schwarzes Hemd, made in Italy, feinste Baumwolle. Max ist Geschäftsmann, durch und durch, auch in der Hitze, selbst Zuhause, denn seine Geschäfte laufen rund um die Uhr. Und keins davon ohne ihn. Er lächelt, als er Lou sieht, seine braunen Augen strahlen, eine Haarsträhne fällt ihm in die Stirn, er ist ein gut aussehender Mann. “Wie schön”, sagt Max. “Die Prinzessin ist gekommen. Endlich. Du hast doch einen Schlüssel, meine Schöne”, sagt er. “Du musst doch nicht klingeln. Komm rein”, doch er tritt einen fast bedrohlichen Schritt auf sie zu, steht dicht vor ihr, und Lou weiß, dass sie nun nur noch zu ihm aufschauen muss. Dann wird er sanft seine Hände um ihre Taille legen, sie nehmen und nach oben tragen. Weil sich einfach immer alles wiederholt. Nie in der Theorie. Aber in der Praxis. In der Geschichte.
Heute jedoch. Nicht.
Und so starrt Lou regungslos so lange auf Max Brust, bis er seufzt und einen Schritt beiseite tritt. “Wie geht es dir?”, fragt Max und folgt Lou, die geradewegs die Sitzecke im Wohnzimmer ansteuert. Offener Raum auf mehreren Ebenen, das elegante warme Licht eines Treibhauses, Kühle im Innern. Die breite Steintreppe, in die Zwischenebene, oben die Galerie, all das öffnet den Wohnraum zu mehr als dreifacher Höhe. Ja, Max hat Stil. Oder zumindest das Geld, sich mit Stil zu umgeben.
“Fühl dich wie zuhause”, sagt Max. “Das bist du ja auch. Hier. Zuhause.” Und er bietet Lou, die sich auf das beige Sofa - kein Leder! - setzt, etwas zu trinken an. “Wein? Sekt? Champagner? Ein Wasser?” Lou schüttelt den Kopf, konzentriert sich lieber auf den Kern ihres Kommens, schließlich ist das hier kein Plauderstündchen. “Ich weiß, wieso du’s tust”, sagt Lou. “Aber du musst damit aufhören. Ich hab nicht viel zu bieten”, Lou schlägt ihre Beine übereinander. “Aber Nani, er hält dich nach all dem immer noch für einen Freund. Und -.” Max nickt. “Das ist er ja auch”, sagt er. “Aber selbst die besten Freunde geraten mal in Streit”, Max wiegt den Kopf. “Gewisse Grenzen”, sagt er, “sollten auch Freunde nicht überschreiten. Da muss man schon mal ...
Max schweigt. “Also”, sagt Lou, “weißt du, ich denke, du solltest eigentlich mich bestrafen. Ich bin schuld. An allem. Ich hab das mit euch nicht gewusst. Und es tut mir leid. Aber. Wir brauchen jetzt ein Abkommen. Waffenstillstand. Oder so was.” Lou schaut über den Tisch zu Max. Der  zwinkert ihr zu. “Ach, das wird schon”, sagt er. “Mach dir keine Sorgen. Ich halte ein Auge auf dich. Weißt du, ich bin immer bei dir. Es war klug, dass du nach der wilden Rauferei im Casino Fabrice angerufen hast. Chapeau!” Max nickt anerkennend. “Aber du hättest gestern nicht erst zu David laufen müssen. Du hättest gleich zu mir kommen sollen. Du willst, dass sie Nani wieder laufen lassen? Baldmöglichst? Ein Anruf könnte genügen. Und die Welt wäre wieder in Ordnung.” Lou schaut Max an, sie versucht, sich ihre Verblüffung nicht anmerken zu lassen, ihre Wut. Werden sie von Max beobachtet? Permanent? Liest er Berichte? Betrachtet er Fotos? Von ihren Flitterwochen? “Aber, weißt du, du siehst es doch selbst”, fährt Max nun mit sorgenvoller Miene fort. “Nani macht es einem nicht leicht. Er ist schlau, sicher, sonst könnten wir ihn gar nicht gebrauchen. Er hat gute Ideen. Aber am liebsten inaktiviert er seine grauen Zellen. Er hat sich nicht unter Kontrolle. Und das gefällt dir”, sagt Max auf seine gönnerische Art. “Das Brodeln, das Abenteuer, der Irrsinn. Nun, du hast gewählt. Und den Hauptgewinn gezogen. Du hast uns beide bekommen.” Max lacht. Dann schweigt er, denkt über seine Worte nach. “Also”, fährt er dann fort, “ich weiß, du bist zäh, darum geb ich euch noch ein paar Wochen. Aber dann kommst du zu mir zurück. Da mach ich mir keine Sorgen”, sagt Max, steht auf, schenkt sich an der Bar eine goldene Flüssigkeit in ein Glas, schwenkt es, nimmt einen kleinen Schluck, genießt. Und greift nach einer Mappe, die neben dem Kamin liegt. Dann kehrt er mit beidem zu Lou zurück, legt die Mappe aufgeschlagen vor sie auf den Tisch. Ohne Lächeln. Ohne Triumph in den Augen. “Hier”, sagt er. “Das war Nanis letzte Hochzeit. Wir waren alle da. Ein schönes Fest. Aber leider nur eine kurze Ehe”, Max nickt bedauernd. Und Lou starrt auf die Fotos. Nani hält eine kleine Rothaarige im Arm und strahlt in die Kamera. Was Lou sieht? Eine beschissene, blasse Kopie von sich selbst. In Nanis Armen. In einem Brautkleid. Und Nani trägt seinen beschissenen billigen Anzug. Und sieht glücklich aus.
Warum hat ihr das niemand gesagt? “Nani, der war mal mit Armelle zusammen, dem Model”, hat Isa damals in der Galerie gesagt. Aber - dass er schon einmal verheiratet war, mit einer verfickt miserablen Doppelgängerin von Lou, das hat ihr niemand gesagt. “Ja”, sagt Lou und zuckt die Achseln. “Das weiß ich”, aber sie hört selbst, wie erbärmlich sie klingt. Und dass ihre Unterlippe zittert, macht die gesamte Angelegenheit - verflucht nicht besser.
Natürlich, das wusstest du”, sagt Max. “Sie hatte nicht deine Klasse. Ein kleines, dummes Mädchen. Längst nicht so attraktiv wie du. Aber sie kam zu mir, als Nani … ihr immer öfter Schwierigkeiten machte. Ich musste sie ein wenig unterstützen - bei der Scheidung.” Und Lou nickt.
Und dann kommt plötzlich die kleine Loulou, Max blonde Westie-Dame, in den Raum gerast, springt freudig an Lou hoch, begrüßt Max. Und hinter dem Hund steht eine große, blonde Frau und schaut Lou misstrauisch an. Dann verzieht sie die Lippen zu einem strahlenden Lächeln, stellt sich als Mimi vor. Und begrüßt Lou ebenso herzlich wie forsch. Lässt sie einen tiefen Blick in ihr außerordentliches Dekolleté werfen, setzt sich auf die Armlehne neben Max und legt einen Arm um seine Schultern, schlägt ihre langen braunen Beine übereinander. Und Lou starrt die Blonder-Geht’s-Nicht-Mehr-Blondine an. Und Tränen schießen ihr in die Augen, und sie murmelt eine Entschuldigung, greift nach ihrer Tasche, erhebt sich, stolpert fast über den Hund. Und hastet ebenso zielstrebig, wie sie das Haus betreten hat, dem Ausgang zu.
In der Haustür legt Max, der ihr gefolgt ist, eine Hand auf die Hüfte, dreht sie zu sich um. “Tut mir leid”, sagt er leise. “Meine Schöne, ich wollte dich nicht verletzen. Natürlich nicht. Es tut mir leid. Sie kann heute noch ausziehen. Sie bedeutet nichts, rein gar nichts. Ich musste mich nur … Als du ihn geheiratet hast, den Idioten -” Max Blick sucht Lous, dann zieht er sie an sich, sie spürt seinen Atem auf ihrem Gesicht, sieht die große Blonde hinten im Flur stehen. Unscharf. Reibt sich die Tränen aus den Augen. Und stößt Max von sich. “Fick dich doch. Und wen du willst”, sagt sie und deutet auf ihr tränenüberströmtes Gesicht. “Das sind nur die Scheißhormone, du Arschloch”, sagt Lou. “Ich bin nämlich schwanger!”, brüllt Lou ihn an und dreht sich um. Und lässt einen völlig perplexen Max wie versteinert in seinem Türrahmen stehen.     



~



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen