Montag, 29. Juli 2013

Die Nascherei


Lou hat sich, gleich als der Ober ihr ihren Milchkaffee serviert hat, über den dazu gereichten Keksteller hergemacht. Das Beste am Schwangersein? Kaum jemand stört sich daran, wenn man einfach alles verputzt, was in Reichweite ist. Ganz im Gegenteil. Seit die Ärztin die Schwangerschaft ganz offiziell hat werden lassen - und aus irgendeinem unerklärlichen Grund steht Nani auf diesen offiziellen Kram -, nickt er ihr bei jedem zusätzlichen Bissen aufmunternd zu. Und dann strahlt Lou und gönnt sich rasch noch einen.
Und nun - mit einer guten halbstündigen Verspätung stürzt endlich Isa ins Café und bleibt abrupt stehen, als sie Lou sieht. “Wow, du siehst ja …”
Und Lou streift sich wie verlegen mit den Fingern durch ihr Haar, dann über ihr neuerdings beachtenswert ansehnliches Dekolleté. “Großartig aus”, ergänzt sie und zwinkert Isa zu. “Ich dachte”, sagt Isa und setzt sich ihr gegenüber, “wenn man Bauch kriegt, ist einem ständig übel, man muss ununterbrochen zur Toilette, kriegt dicke Beine, Rückenschmerzen. Und so was.” Und Lou schaut an sich herunter. “Tja. Also. Bei mir könnt’s mit den Hormonen nicht besser laufen”, sagt sie, und Isa bestellt per Handzeichen beim Ober zwei weitere Milchkaffee und wiegt den Kopf. “So sieht's aus”, sagt sie klug. “Sorry, aber man hört da Sachen.” Und Lou schaut aufmerksam auf. “Nani ist festgenommen worden?”, fragt Isa. “Ach, das ist ja schon Wochen her”, antwortet Lou. “Nein”, beharrt Isa, “ist er nicht erst letzte Woche von der Polizei abgeholt worden.” Und Lou schüttelt den Kopf. “Wer erzählt denn so’n Schwachsinn?”, fragt sie. “Die wollten ihm nur noch ein paar Fragen stellen. Aber. Wenn einer unschuldig ist, ist er unschuldig. Dann weiß der auch nichts,” Lou nickt ernst, verleiht ihrem Gedankengang Gewicht. “Max hat uns da reingeritten - wegen der Hochzeit und so. Aber.” Lou fährt sich über ihr kleines Bäuchlein, “seit er weiß, wie ernst es mit Nani und mir ist, dass wir schwanger sind, tut’s ihm leid. Und er hilft uns. War einfach alles ein Irrtum.” Und Lou greift nach einem Keks von dem soeben frisch servierten zweiten Naschteller und beißt hinein.
“Was weißt du eigentlich über Max”, fragt sie Isa dann wie beiläufig und spült die Krümel mit Kaffee runter. Schließlich ist Isa jahrelang auf dieselbe Schule gegangen wie Max und übrigens auch Nani. Und sie hat die gesamten 23 Jahre ihres jungen Lebens im Gegensatz zu Lou, die mit ihrem Vater früh weggezogen ist, in dieser Stadt verbracht. Wie Max und übrigens auch Nani. “Max?”, fragt Isa. “Der sieht verdammt gut aus.” Und Lou zieht eine Schnute. “Findest du?”, Lou klingt skeptisch. “Tja”, sagt Isa, “sicher. Und du bist sogar mit ihm zusammen gewesen. Aber. Gut. Du stehst ja eher auf Verbrecher-Visagen”, und für diese kränkende Behauptung erntet Isa einen finsteren Blick.
“Nani ist scharf”, sagt Lou, die Gedankengänge gern weiterspinnt, in einem Tonfall, der Widerspruch nicht zulässt. Und Isa nickt zustimmend, denn Nani - Verbrecher hin oder her - ist scharf, manche Dinge lassen sich einfach nicht diskutieren. Wenn man aber unbedingt will, findet sich fast immer etwas, um übel nachzusetzen. “Aber weißt du noch?
”, sagt Isa daher. Damals? Der Typ im Urlaub? Wie hieß der noch?” “René?”, sagt Lou. “Schätze, du meinst René, den Professor. Und der hatte keine Verbrecher-Visage, der sah aus wie Alain Prost.” “Und trotzdem war er kein Professor. Und sein Wagen gestohlen”, erinnert Isa Lou grinsend an einen unglücklich verlaufenden Ferientag und an das überraschende Aus einer viel versprechend begonnenen Urlaubsliebschaft. Was für ein Pech aber auch, dass die Herren Wachtmeister ausgerechnet an dem Tag, als René Lou eine Spritztour vorschlug, diese dämliche Verkehrskontrolle durchziehen mussten. Aber. All das ist Schnee von gestern. Schließlich hat Lou längst andere Sorgen. Und einen Plan. Nämlich? Der Ahnungslosigkeit den Garaus machen. Denn - was die letzten Wochen sie schmerzlich gelehrt haben, ist: Sie weiß jetzt tatsächlich, dass sie nichts weiß. Und inzwischen weiß sie auch, dass das ganz großer Mist ist. Also?
Alles klar! Und. 

Noch mal: 
“Was weißt du sonst so - über Max?”      





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