Freitag, 5. Juli 2013

Die Heimreise


Lou sitzt auf dem Boden, den Rücken an die kalte geflieste Wand gelehnt, eiskalter Schweiß auf ihrem heißen Körper, sie ringt nach Luft, zittert. Seit einer Dreiviertelstunde übergibt sie sich in die Kloschüssel. Und weil das anstrengend ist, weil das auf Dauer viel zu anstrengend ist, macht sie jetzt eine Pause. Nani steht im Türrahmen und schaut sorgenvoll. Er denkt, und obwohl er wahrscheinlich ein hochbegabtes Gehirn mit sich herumträgt, dauert es von Zeit zu Zeit, bis er das Ergebnis seiner Denkprozesse in Worte fassen kann. Lou aber weiß, was er denkt, und schüttelt deshalb vorzeitig den Kopf. “Keinen Arzt”, sagt sie. “Bloß nicht!” Und Nani denkt darüber nach.
“Meinst du, wir sind schon zu viert? Morgenübelkeit?”, fragt er dann, kommt auf sie zu, nimmt ein Handtuch vom Haken, lässt ein wenig kaltes Wasser darüber laufen, hockt sich vor das Häufchen Elend und tupft Lou vorsichtig den Schweiß von den Schultern, dem Hals, der Stirn. Er schüttelt den Kopf: “Du siehst echt beschissen aus.”
Und Lou, deren Hirn insgesamt so leer ist wie ihr Magen, definitiv zu leer, um zu denken, denkt es trotzdem: ‘Schwanger.’ Weil nämlich jede Scheiße potenzierbar ist. Vor allem dann, wenn man sich alle Mühe gibt und hart darauf zugearbeitet hat. Schließlich haben sie sich schon einige Male vor der Hochzeit des Öfteren tiefer in die Augen geschaut. “Kann vielerlei Gründe haben”, sagt sie. “War eine beschissene Nacht!”, sagt sie und hat recht. Auch wenn sie sie versöhnlich haben ausklingen lassen. Denn Nani liebt Lou. Und Lou liebt Nani. Und sie will an das glauben, was ihr die schöne Maria gesagt hat, auch wenn sie nicht ahnen konnte, dass sie sich derart vorzeitig an die Grundregel einer glücklichen Ehe erinnern müsste: “Alles, was in einem Moment nicht bei euch scheint, ist nirgendwo zu finden. Mehr ist es nicht.” Amen.
Und deshalb hat Lou sich im Morgengrauen zu Nani umgedreht, und sie haben den Ärger aus der Welt geschafft. Schließlich macht Liebe machen nicht nur für die Schuldigen insgesamt mehr Sinn, als Steine werfen. Oder als schweigend und schmollend nebeneinander im Bett zu liegen. Es ist die letzte Nacht ihrer Flitterwoche. Und daher haben sie sich so lange geliebt, bis Lou ihre Hand fest auf Nanis Brust gedrückt hat, ihm einen panischen Blick zugeworfen hat, um sich dann unter ihm aus dem Bett zu winden und es gerade noch rechtzeitig bis ins Bad zu schaffen. Und da hockt sie nun. “So kommen wir auf alle Fälle nicht nach Hause”, sagt Nani, zieht Lou an sich und küsst sie auf die Nasenspitze. Viel zu viel Bewegung. Lou fühlt sich wie in einem Aufzug, der gerade mindestens zwanzig Stockwerke runterrast, den Nanis Berührung völlig aus der Bahn rotieren lässt. Und so ein freier, verwirbelter Fall schlägt ihr sofort wieder auf den Magen, der längst leer ist, und sie stößt Nani erneut zur Seite. Und kotzt Galle. Kein guter Start in den Tag. “Okay, das reicht”, sagt Nani. “Jetzt hol ich den Arzt.”
Und dann steht der im Raum, ein rundlicher Mann mit gutmütigem Gesicht, und lächelt Lou an, und Nani trägt sie zum Bett, und der Arzt legt eine Infusion und zwinkert ihr zu. Und Lou geht es sofort besser. Und nach gut zwei Stunden kann sie aufstehen und sich vorsichtig und langsam mit Nanis Hilfe anziehen. Der Arzt gibt ihr Tabletten, die sie jede halbe Stunde lutschen soll - gegen die Übelkeit. Ja, auch wenn sie schwanger ist, das geht in Ordnung. Und Nani nickt, und muss dem Arzt versprechen, dass er die kranke Prinzessin sofort in ein Hospital fahren wird, sollte ihr trotz allem auch nur noch ein einziges Mal übel werden. “Alles Gute”, sagt der Arzt. Lou nickt.
Und dann sitzt Lou im Wagen. Nani hat sich um alles gekümmert, er hat an alles gedacht, ist sogar noch ein paar Meter mit Charlie gegangen, hat tatsächlich seine eigene Nervosität vergessen, denn schließlich bedeutet jede Aufgabe, jede Sorge um einen anderen, - selbst die schlimmste, nein, gerade die schlimmste - immer Ablenkung von dem Gepäck, das aufs eigene Gemüt drückt. Und nun sitzt er neben Lou, seine Hand leicht auf ihren Bauch gelegt. “Bist du bereit?”, fragt er. Und Lou nickt, auch wenn sie genau weiß, dass sie nicht bereit ist, dass sie beide nicht bereit sind für die Scheiße, die sie zuhause erwartet. Sei’s drum. “Dann mal los”, sagt sie und bemüht sich zu lächeln. “Ich pass auf dich auf, alles wird gut”, sagt Nani. “Das kriegen wir schon hin”, sagt er. Und eigentlich ist das eine schöne Idee. Bis zum unumgänglichen Aufmarsch des Verstandes. Und der - was auch immer man tut, um ihn auszutricksen, lässt nie lange auf sich warten. Aber - trotzdem. Nani schiebt das Kinn vor, legt den Gang ein und fährt vorsichtig an.




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