Donnerstag, 11. Juli 2013

Die Erinnerung


Einfach. Aber so was von. Ja, sicher. Schließlich war es nur der erste kleine Schritt. Und David - er ist, wenn man ihn daran erinnert - so ein gutmütiger Kerl. Und guter Freund. Und kümmert sich.
Nach ihrer kleinen Unterredung liegt Lou nun allein auf der Matratze, Charlie Cooper hat einige Versuche unternommen, Nanis freien Platz zu erobern, doch Lou ist nicht einverstanden gewesen. Und deshalb liegt Charlie nun unten am Fußende und schnarcht leise. Und Lou überlegt sich ihren nächsten Spielzug. Denn sie ist nicht die Feuerwehr, sie hat keine Lust, ständig den Schaden zu beheben, den Max anrichtet. Handeln nach erzwungener Notwendigkeit. Und erzwungene Notwendigkeit ist Lou ein Gräuel. Und weil Max genau das sehr gut weiß, wird er momentan eine Menge Spaß haben. Und das wird Lou ab nun - so sieht es der Plan vor - nicht mehr dulden. Sie wird nicht mehr - naiv rumhocken und nicht merken, wie sich Unheil über ihr zusammenbraut. Wie Max Unheil über ihr zusammenbraut.
Wie? Sie das tun wird? Darüber ist sie sich selbst noch nicht ganz im Klaren. Die Theorie mit dem Ekel, dem Hass und der Liebe - als gleichschenkliges Dreieck von einem dynamischen Philosophiestudenten in einem Sommerkurs an eine Schultafel gemalt, steht vor Lous geistigem Blick. Und je länger sie darüber nachdenkt, desto klarer wird ihr: Max ist ein wirklich übler Gegner.
Am frühen Morgen serviert er ihr frische, warme Pfannkuchen mit Beeren, ein Ei, ein Croissant, einen Milchkaffee und einen Orangensaft. “Oh”, sagt Lou, “eigentlich frühstücke ich nie.” Und Max lächelt. “Das werden wir ändern”, sagt er. “Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit”, er zwinkert. “Okay”, sagt Lou und lässt sich eine Himbeere in den Mund schieben, setzt sich auf, “aber ich muss los, ich muss zur Arbeit, ich hab nicht mal frische Sachen dabei.” “Keine Sorge”, sagt Max, “erst isst du in aller Ruhe, dann duschst du. Und dann fahr ich dich, wohin du willst.” Und tatsächlich verspeist Lou an einem ganz gewöhnlichen Mittwochmorgen einen köstlichen Pfannkuchen mit Beeren und Croissant im Bett. Das ist besser als jeder Sonntag. Dann geht sie duschen. Und lässt sich zu ihrem kleinen Zimmer in dem Wohnheim fahren, wo sie sich flugs in frische Klamotten wirft, um exakt zehn Minuten vor Arbeitsbeginn in tadellos adretter Montur vor der Praxis vorzufahren. “Wann sehen wir uns wieder, Prinzessin?”, fragt Max und beugt sich zu Lou hinüber, lässt seine Finger auf ihrem Oberschenkel spielen. “Bald?”, sagt Lou, lacht, küsst ihn und springt aus dem Wagen. “Ruf mich doch mal an!”, ruft sie, winkt, dreht sich um und verschwindet durch das große Tor in das Backsteinhaus.
Und nur ein paar Stunden später sitzt Maxime Arras mit einem kleinen weißen Hund auf dem Schoß im Wartezimmer des Tierarztes. “Wissen Sie noch, wer ich bin?”, fragt er keck, als Lou ihn aufruft, um die Daten des neuen Patienten und dessen Halters zu notieren. Lou ist baff, sie zuckt die Achseln, gibt sich störrisch. Professionell, schließlich arbeitet sie hier. Nimmt Nachnamen und Adresse auf, schaut interessiert, als Max bei dem Rufnamen des Hundes zögert. “Sim”, sagt er dann wie nach einem Geistesblitz. Und Lou schüttelt den Kopf, sie deutet auf das kleine, weiße Westie-Knäuel, das er vor ihr im Arm hält. “Der Hund ist eine Sie”, belehrt sie Max. Und der nickt und strahlt. “Natürlich”, sagt er und schüttelt entschuldigend den Kopf. “Das ist meine kleine Loulou”, er lächelt. “Ich hab sie noch gar nicht lang, meine kleine Prinzessin”, sagt er und nickt. “Der Hund vor ihr hieß Sim. Entschuldigen Sie! Sie verwirren mich. Entschuldigung.” Und Lou nickt. “Hat sie irgendwelche Beschwerden?”, fragt sie. Max schüttelt den Kopf. “Nein”, sagt er. “Uns geht es wunderbar. Sie ist geimpft, ich passe gut auf sie auf. Aber ich dachte an einen kleinen Routinecheck. Schließlich will ich alles richtig machen. Denn wenn man erst einmal sein Herz an so ein kleines Wesen verloren hat ...” Und Lou beißt sich auf die Lippe, nickt und führt Max und seinen neuen Hund in den Konsultationsraum.
“Sehen wir uns später?”, fragt er Lou ganz unvermittelt nach der Untersuchung und der ausführlichen Beratung durch die Tierärztin, mit der Max auf äußerst souveräne Weise gescherzt hat. Lou nickt, schweigend. “Ich hol dich ab”, schlägt Max vor, und wieder nickt Lou. “Kurz nach sieben? Wenn Sie sie dann schon entbehren können?”, wendet er sich an die Ärztin und strahlt. “Darf ich Sie Ihnen dann schon entführen?” Und die Ärztin lacht. Und nickt. Anerkennend, als Max die Tür hinter sich zuzieht. “Was für ein charmanter Mann”, sagt sie. “Und so gut aussehend.” Dann summt sie ein Chanson, wirft Lou einen beifälligen Blick zu. “Da haben Sie wirklich Glück gehabt”, sagt die Ärztin. Und Lou, die Max unangekündigten Auftritt bis eben noch für eine kleine unverschämte Aufdringlichkeit gehalten hat, nickt. “Ja”, stimmt sie zu. “Da hab ich wirklich Glück gehabt.”
Doch. Wie jedes Mal im Leben hat auch diese Medaille - wenn man sie nur arglos genug herausfordert - ihre beschissene zweite Seite.       




~



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen