Dienstag, 2. Juli 2013

Die Erinnerung


Es ist fast fünf Uhr morgens, als Lou endlich aus der Dusche kommt. Charlie Cooper liegt auf seiner Decke und erlebt im Traum gerade einen besonders aufregenden Ausflug, sein Näschen schnuppert und seine Pfoten legen im Tiefschlaf ein ordentliches Tempo vor. “Treib’s nicht zu wild, Coops”, mahnt Lou, macht das Licht aus und legt sich auf das Bett.
Kaum liegt sie, spürt sie Fingerkuppen auf ihrer Schulter, Atem in ihrem Nacken, rückt ein Stück weg, ein Stück weiter auf ihre Seite. “Komm schon”, sagt Nani. “Es tut mir leid.” “Tut’s dir überhaupt nicht”, sagt Lou, die morgens um fünf nach einer beschissenen Nacht keine Lust auf die Schönwettertour hat. Und die sauer ist und vorhat, das auch noch eine ganze Weile zu bleiben. “Es war richtige Scheiße”, wiederholt sie, weil sie nämlich keine Angst hat vor Nani, oder vor Drohungen. Scheiß auf Drohungen. “Und wenn du ab jetzt jeden umschlagen willst, der sich mit mir unterhält, dann haben wir echt größere Probleme, als ich bislang …” “Es macht mich nervös”, sagt Nani, und seine Hand sucht wieder ihre Schulter. “Du kannst dich so nicht mehr mit anderen unterhalten. Glaubst du, ich kann hinter deinem Rücken stehen und zusehen, wie du irgendwelchen Typen den Kopf verdrehst?” “Also, ich hab’s echt versucht”, sagt Lou. “Aber du tickst einfach nicht ganz richtig. Der Typ hat sich mit mir unterhalten. Man nennt es Konversation, ein oberflächlicher, zumeist sinnloser Austausch von unnützen Informationen.” “Und trotzdem wärst du mit ihm mitgegangen”, sagt Nani. “Okay, jetzt bist du verheiratet, aber früher - früher wärst du mit ihm mitgegangen.” Und auch wenn Lou überhaupt keine Lust auf eine Auseinandersetzung oder Argumentationen hat, und Nani eh so derbe tief in Unrecht und Schuld steckt, dass sie ihm eigentlich gar nicht zuhören sollte, denkt sie über seine Worte nach. “Okay, jetzt bist du verheiratet, aber früher - früher wärst du mit ihm mitgegangen”, und es gibt kein Donnergrollen in seiner Stimme, er sagt es leise und er sagt es traurig, und Lou hat keine Ahnung, ob es irgendein Recht gibt, damit sie ihm widersprechen könnte. “Weil jeder Typ ein Max sein könnte”, denkt sie. Und dann daran, wie sie ihn wieder gesehen hat - zum zweiten, zum vom Schicksal vorherbestimmten Mal.
Sie kommt von der Arbeit und läuft verloren durch die Altstadt. Sie sucht einen Laden, den ihr Isa empfohlen hat, einen kleinen Second Hand Laden, der momentan noch der absolute Geheimtip sein soll für all die, die cool genug sind, dem Trend zuvorzukommen. Und dann sieht sie den Typen aus der Bar an eine Hausfassade gelehnt stehen. Er raucht.
“Hey”, sagt Lou. “Ich hab dich gesehen - letztens - in der Bar.” Er nickt, offensichtlich erinnert er sich auch, sagt kein Wort. “Kennst du vielleicht diese Adresse?”, fragt Lou und hält ihm Isas Zettel hin. Er schnippt die Zigarette weg, schaut konzentriert auf das Papier, denkt und nickt, deutet in eine Richtung. “Bist du nicht von hier?”, sagt er, und am liebsten  würde Lou vor Freude in die Hände klatschen, denn der Typ kann wirklich sprechen! “Doch”, sagt sie. “Schon, ich bin hier geboren, aber dann bin ich mit meinem Vater weggezogen. Erst nach oben in den Norden, tja, und dann ganz runter in den Süden”, sie lächelt. “Aber jetzt bin ich wieder hier, noch gar nicht lang zurück”, sagt sie. “Mir fehlt die Orientierung
, sagt sie, kommst du und zeigst mir den Weg?” Er schaut an ihr vorbei, sie hält ihm Isas Zettel hin, er schüttelt den Kopf, greift nach dem Päckchen Zigaretten in seiner Gesäßtasche, sucht das Feuerzeug. “Sorry”, sagt er. “Keine Zeit”, sagt er und seufzt. Und Lou nickt. “Gar keine?”, fragt sie, denn Trend-Vorreiterrei oder Second Hand Mode gehen ihr in diesem Moment so was von am Allerwertesten vorbei, das kann man sich gar nicht vorstellen. Der Typ vor ihr schaut sie  noch argwöhnischer an als zuvor. “Guck du mal”, denkt Lou, “denn diesmal bist du fällig, du Spinner.”
Und dann sitzen sie in einer Eisdiele vor ihren Eisbechern, und er heißt Nani, und Lou streift  ihm mit ihrem Finger ein wenig Sahne von der Oberlippe und lächelt. Er schüttelt den Kopf, und Lou schaut nachdenklich auf die Sahne an ihrem Finger, schaut dann nachdenklich zu ihm. “Ich mag gut erzogene Jungs”, sagt sie. “Wirklich. Du kannst es ab jetzt nur noch schlimmer machen.” Und er nickt. Weil sie dann nämlich. Sofort. Den Ober rufen. Um zu zahlen, um aufzubrechen, um schnurstracks in seine Wohnung zu marschieren. Und er ist nervös, hält die ganze Zeit - den Blick über die Schulter. Ohne den Hauch einer Chance, das Ruder noch rumzureißen.
“Wieso bist du damals eigentlich nicht gleich zu mir gekommen”, fragt Lou jetzt. “Damals, am ersten Abend in der Bar. Du hast mich doch gesehen, du bist doch gar nicht so schüchtern. Das ist doch alles Quatsch.” “Hab ich dir gesagt”, sagt Nani. “Max hat dich auch gesehen - und das war’s. ‘Horizontale Challenge - das Muschelchen wird heute Abend noch geknackt’, hat er gesagt. Und -”, Nani schweigt. “Und ich hab’s ihm nicht grad schwer gemacht”, denkt Lou und dreht sich zu Nani um.     





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