Montag, 22. Juli 2013

Die Botschaft


Ursprünglich hatte Lou der schönen Maria wegen vorsätzlich vorenthaltener Informationen ordentlich die auf Krawall frisierte Meinung geigen wollen. Doch nach Nanis überraschender Rückkehr am gestrigen Nachmittag ist Lou milde gestimmt. Am darauffolgenden Morgen lässt sie also den besten aller Männer auf dem Sofa schlafen, macht sich rücksichtsvoll leise ausgehfein, wirft sich den Kleidersack mit ihrem geliehenen, einst vom Ganoven Toni geklauten Brautkleid über den Arm und schließt leise hinter sich die Tür. Und da sie immer hungrig ist, und man bei dieser Hitze auch rasch durstig wird, weil Lous zorniges Gemüt nach der intensiven Energiearbeit der letzten Nacht zu einem tiefenentspannten mutiert ist - und ist es nicht eine Wohltat, zu strahlen, statt zu stänkern? - besorgt Lou in Marias Viertel in einem kleinen Café gänzlich ungeplant zwei Eiskaffee und ein paar Waffeln. Ein wahrscheinlich nicht sehr gesundes, aber versöhnliches Frühstück. Derart ausgerüstet, spaziert sie dann zum zweiten Mal durch den kleinen gepflegten Vorgarten und nach einer überschwänglichen Begrüßung und Gratulation zur Hochzeit direkt durch das kleine Haus auf Marias Terrasse mit Blick in die umliegenden Gärten.
Allerdings, à propos. 

Hochzeit!
“Hättest du mir nicht doch vielleicht sagen müssen, dass Nani schon einmal verheiratet war?”, findet Lou trotz aller hart erarbeiteten Ausgeglichenheit und betrachtet zugleich fasziniert die schöne Maria. Die sitzt ihr mit ungekämmtem Haar, gähnend, auf einem Gartenstuhl gegenüber, nippt an ihrem Eiskaffee und sieht auch nach drei Kindern noch so hinreißend aus wie eine vielleicht nicht mehr ganz junge Anouk Aimée, die allerdings auch gänzlich ungeschminkt und nur in einen geblümten Morgenrock gehüllt, mit einem einzigen Blick atemberaubende Geschichten erzählen kann. Maria lacht. “Ja, ich erinner mich. Er trug diesen billigen Anzug. Und die Kleine, wie hieß sie noch? Sie sah ein bisschen aus wie du -” “Jasmin”, sagt Lou vorwurfsvoll. “Sie hieß Jasmin. Und sie sah aus wie meine beschissene, stumpfsinnige Zwillingsschwester!” Und wieder lacht Maria. “Na ja”, sagt sie, “du sagst es ja selbst. Das Ganze war einfach nicht der Rede wert.” Maria zuckt die Achseln. “Nani hat das Glück eben schon etwas länger gesucht. Bevor du bei ihm an die Tür geklopft hast. Na und? Kein Grund sich aufzuregen. Nach ein paar Wochen war sie wieder weg. Ein kleines dummes Mädchen aus der Kreisliga.” Und - wer ist in der Lage, die Vergangenheit ungeschehen zu machen? - mit dieser vernichtenden Einschätzung ihrer Vorgängerin kann Lou leben. Schließlich ist sie definitiv kein kleines dummes Mädchen, da ist sie sich mal sicher. Und aus der Kreisliga? Kann ein Amateur denn tiefer sinken? Lou lächelt, greift nach ihrer Waffel und beißt zufrieden hinein.
Nachdem sie mit einem ordentlichen Schluck Eiskaffee nachgespült hat, scheinen selbst die letzten, leicht trüben Wolken über der gemütlichen Frühstücksplauderei vertrieben, und Lou erzählt, wie traumhaft schön die letzten zwei Wochen verlaufen sind. Um das Gesamtbild nicht zu verwackeln, lässt sie dazu ein paar Details unter den Tisch fallen, denn. Warum nicht? Die Erinnerung ist großzügig.
“Nani ist von den Bullen abgeholt worden?”, fragt Maria dann aber trotzdem. Und Lou zieht eine Schnute. Und nickt, da man manche Dinge nun mal nicht abstreiten kann. “Halb so wild”, sagt sie. “War ein Irrtum. Nani hat nichts gemacht. Und die Polizei hat ohnehin keinen Plan, das hat er mir erklärt. Sie haben ihn befragt wegen einer Zeugenaussage von so ‘nem Irren, der Nani gar nicht kennt. Wahrscheinlich hat Max das nur inszeniert, um uns gleich nach der Rückkehr zu ärgern.” Lou zuckt die Achseln, knabbert an ihrer Waffel. “Und die Bullen wissen eh rein gar nichts. Sie untersuchen Spuren und Erde an einem Wagen, in dem Nani nie gefahren ist,” wiederholt Lou Nanis Worte und lacht, wie sie mit ihm gelacht hat, als er ihr den Clou der Geschichte erzählt hat. Denn - Scheiß drauf, was immer er getan haben mag, so werden sie ihm niemals etwas anhängen. Und auch Maria nickt zufrieden. “So viel Technik haben die heutzutage. Und immer noch keinen Durchblick”, sagt sie, und Lou lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück und zündet sich genüsslich eine Zigarette an. Was für ein herrlicher Sommermorgen, zumal dann - wenn sich die Dinge wie von selbst regeln, und man unter seinesgleichen verstanden wird.
“Nani würde so etwas auch nicht tun. Leute entführen und so”, stellt Lou dann aber dennoch klar. “Er ist ja kein Psycho”, sagt Lou und blickt zu Maria. Die hat schließlich Ahnung vom Leben und von den bösen Jungs. Denn sie ist nicht nur seit Ewigkeiten glücklich mit dem Ganoven Toni verheiratet, sie arbeitet auch seit ihrer Jugend auf den unterschiedlichen Posten, die die Vergnügungen der Nacht zu bieten haben. Eine perfekte Basis, um eine Menge Erfahrungen zu sammeln. Seit geraumer Zeit allerdings, um genau zu sein, seit ihrer Hochzeit, steht Maria nur noch hinter der Bartheke. Und dort hat sie auch vor Jahren den jungen Max sowie dessen besten Freund Nani kennen gelernt. Ersterer ein beeindruckend cleverer und auch hübscher Kopf, von Ehrgeiz und dem Bedürfnis nach Macht und Geld getrieben. Schon als Schuljunge hat er in der Bar gejobbt, die er später übernommen hat. Max, der mit dem großen Talent, instinktiv bei jedem reizvollen Geschäft sofort zuzuschlagen und dabei immer den besten Schnitt einzufahren. Daneben Nani, bescheiden, ruhig und zurückhaltend, viel klüger als sein Freund, viel intelligenter. Doch von dem festen Willen beherrscht seinem Vater, der definitiv einer der wohlhabendsten und einflussreichsten Männer der Stadt ist, zu beweisen, dass man, selbst wenn man mit allen Talenten und Möglichkeiten gesegnet ist, es schaffen kann, partout nichts aus sich zu machen. Und Maria, die eine große Schwäche für die kompromisslos Starrsinnigen hat, die hartnäckig am Abgrund wandeln, obwohl sie dort nicht viel zu suchen haben, beugt sich vor und legt Lou die Hand auf den Arm. “Mach dir keine Sorgen”, sagt sie. “Manchmal gehen die Pferde mit Nani durch, sicher. Aber er ist ein wirklich guter Junge. Du hättest keinen besseren finden können. Doch wenn ich ehrlich sein soll”, fährt Maria fort, seufzt und schaut Lou ernst in die Augen, “es wird auch nicht einfach, du darfst es nicht versauen. Nani wird es dir nicht leicht machen. Und Max auch nicht. Also, vergiss irgendwelche Schnepfen aus der Vergangenheit. Dinge, die man dir nicht gesagt hat, weil sie zu unwichtig waren, um sie zu erwähnen. Vergiss die Typen mit der blauen Lampe auf der Kutsche, sie werden eines Tages wieder vor der Tür stehen. Aber das kann dir völlig egal sein. Du gibst Nani, was er sucht. Du zeigst ihm, wie machtvoll das Herz ist. Weil du ihn liebst. Dass er den Durst nur aus seinem eigenen Brunnen stillen kann. Das hat er nämlich immer noch nicht kapiert”, sagt Maria und richtet sich dann vorwurfsvoll auf - Und. Verkündigung der frohen Botschaft: “Und hör endlich auf zu rauchen. Schließlich bist du schwanger!”



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