Freitag, 19. Juli 2013

Die Befragung


“Warum also hat Ihr Mann am Ende nicht Ihren Geliebten, Maxime Arras, getötet? Sondern dessen Bruder David?”, wiederholt der Anwalt seine Frage und beobachtet die schweigende Lou.
Und Lou richtet sich auf, schaut herab auf ihre gefalteten Hände, greift zögernd zu dem Wasserglas vor ihr auf dem Tisch, schaut wieder auf und sagt mit fester Stimme: “Aber er war es ja nicht. Nani war es nicht, Nani hat niemanden getötet.” Sie wirft dem Anwalt einen verschwörerischen Blick zu. “Vielleicht wären unsere Unterredungen etwas angenehmer, wenn Sie diese Tatsache endlich als Prämisse all unserer Bemühungen zugrunde legen wollten.” Lou lächelt und nickt zugleich verständig. “Ich weiß”, sagt sie, “wie kompliziert es ist. Menschen sind seltsame Wesen, die merkwürdige Dinge tun. Das dürfte Ihnen in Ihrem Beruf doch nicht fremd sein? Ich bin naiv gewesen. Wahrscheinlich auch dumm. Und verliebt, was alles zusammen eine ziemlich üble Mischung ergibt.” Sie zuckt die Achseln. “Und ich weiß, dass Nani austicken kann. Klar. Aber wer denn nicht?”, fragt Lou und der Anwalt nickt zustimmend, denn auch in seinem kleinen ausgemergelten Körper könnte sich das Wilde verbergen. “Vor allem in den letzten Monaten vor Davids Tod war es kompliziert, Nani hat ja nur noch gesoffen”, fasst Lou zusammen. “Und ständig Pillen eingeworfen”, sagt Lou in Gedanken in die schlimmste Zeit ihres Lebens versunken. “Es war schwierig. Und Max hat uns in all das reingeritten. Und ich wusste das”, Lou knabbert nachdenklich an ihrer Unterlippe. “Aber er hat Nani, der Max für seinen Bruder hält, für mehr als seinen besten Freund, Max hat Nani immer wieder aus dem Shit, den er vorher selbst angerichtet hat, rausgeholt. Verstehen Sie? Wie ein Feuerteufel, der Feuerwehrmann spielt und seinen kranken Spaß daran hat, das Feuer, das er selbst gelegt hat zu löschen. Max ist kein guter Mensch.” Der Anwalt wiegt den Kopf, er weiß, dass die Polizei seit längerem versucht Herrn Arras einige illegale Geschäfte nachzuweisen. Aber Herr Arras ist clever. Und der Anwalt wird nicht dafür bezahlt, ihn all seiner verwerflichen Vergehen zu überführen. Seine Aufgabe ist es herauszufinden, ob Nani Lambert unschuldig im Gefängnis sitzt. Unschuldig an dem Mord an David Arras. Nicht mehr und nicht weniger. Und um das herauszufinden, muss er zunächst Lou knacken. Denn die junge Frau vor ihm, mit dem schwarz gefärbten Haar weiß viel mehr, als sie sagt. Da ist er sich sicher. Und sie lügt wie gedruckt, da ist er sich ebenfalls sicher. Und sie macht das gar nicht schlecht, das muss er eingestehen, schließlich hat er auf diesem Gebiet eine ganze Menge Erfahrungen sammeln dürfen. Vor allem durchschaut er nicht ihre Motive, wägt jeden Satz, den sie sagt, sorgfältig ab. Und kann sie dennoch nicht einschätzen. Sie ist ein - interessanter Fall.
Lous Hände spielen mit dem Wasserglas, sie trinkt einen Schluck. “Und trotz allem. Oder gerade deswegen”, Lou überdenkt ihre Worte, “war Max immer für mich da. Der Punkt ist der”, sagt Lou und nimmt den Anwalt ins Visier, “Max liebt mich nicht. Er liebt niemanden. Und das hab ich gewusst, sehr genau - von Anfang an. Max sucht sich Spielzeuge, die bastelt er zusammen und schlägt sie dann kaputt. Aber bei mir ist es doch anders. Ich habe seinen Hass auf Nani geschürt. Ich bin seine fixe Idee, auf eine ganz eigene Art ist er besessen von mir. Nicht wegen mir. Sondern wegen Nani. Weil ich mich für Nani entschieden habe. Max größte Niederlage.” Wieder lächelt Lou und schaut aus dem Fenster. “Ja”, sagt sie dann. “Das durschau ich schon. Und trotzdem schmeichelt es mir. Auch wenn so viel zu Bruch gegangen ist. Oder gerade weil so viel zu Bruch gegangen ist. Pervers nicht?” Lou lacht und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. “Max steht immer auf Abruf bereit. Und gerade in den schlechten Zeiten, wenn jemand da ist, wenn jemand einem jeden Wunsch von den Augen abliest. Kennen Sie das?” Lou lächelt herausfordernd, und der Anwalt wiegt erneut den Kopf. “Nein”, sagt er. “Der Kelch ist bedauerlicherweise an mir vorbeigezogen. Aber ich denke, ich verstehe, wie schlimm es sein muss, wenn man der Versuchung wider besseres Wissen erliegt.” Wieder nimmt er eine seine Akten in die Hand, ein Anwalt eben, der versucht einzuschüchtern. “Nani Lambert wurde in der besagten Nacht blutüberströmt mit einem Messer, der Tatwaffe, in der Hand in der Nähe des Tatorts aufgegriffen. Er hatte zuvor einen heftigen Streit mit dem späteren Opfer, David Arras. Dafür gibt es Zeugen. Und er hat die Tat niemals abgestritten.” Lou nickt. “Exakt”, bestätigt sie. “Und deshalb hat die Polizei auch nie richtig ermittelt”, sagt sie. “Was also ist Ihre Theorie?”, fragt der Anwalt, und Lou fährt sich mit der Hand über das Kinn.
“Ich habe keine”, sagt sie dann. “Ich weiß nur eins. Dass Nani David niemals getötet hätte. Genauso, wie er mich niemals geschlagen hat. David und Nani waren beste Freunde. Und Max wollte sie beide loswerden.”           



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