Mittwoch, 24. Juli 2013

Der Befehl


“Das war’s dann also”, denkt Lou. “Willkommen in der Realität!” Und sie denkt daran, wie sie vor - will man es großzügig betrachten - erst einigen Wochen wegen eines plötzlichen Regengusses die Tür zu einer Bar aufstieß, um Zuflucht zu suchen. Um sich dort die Regentropfen aus dem Haar zu schütteln und dann mit Vollgas auf Händen tragen und Rosen betten zu lassen. Zunächst von dem einen, dann von dem anderen. Ein Unternehmen, das seit Jahrhunderten fast immer schiefgeht. Um sich dann? Blind vor Liebe und vielleicht wegen einiger dumpfer Schuldgefühle Nanis überstürzt agierender Ein-Mann-Eliteeinheit anzuschließen. Das Ziel? In den Hafen der bürgerlichen Ehe einzulaufen: Verliebt, verlobt, verheiratet - mit Bauch. Mission? Im Eiltempo geglückt! Und dabei hatte Lou vor gar nicht langer Zeit ernsthaft überlegt, ob sie den Handreicherkittel in der Tierpraxis nicht einfach ablegen sollte, um stattdessen das Skalpell selbst in die Hand zu nehmen und doch noch zu studieren. Doctor medicinae veterinariae, Elouise Rosier, Doktor der Tiermedizin. Klingt gut. Feine Idee. Sollte nicht sein.
Denn zum Weibe sprach er: ‘Ich will dir viel Mühsal bereiten mit Schwangerschaften; mit Schmerzen sollst du Kinder gebären. Und nach deinem Manne wirst du verlangen, er aber soll Herr über dich sein.’ Genauso also sollte es auch in Lous Leben kommen, war doch klar! 

Und so sucht Lou nun ihren Herrn, nach dem es sie verlangt. Und findet ihn immer noch schlafend, denn auch der Herr muss sich zuweilen eine Auszeit gönnen und ruhen. Lange genug, findet Lou und tritt ihn in den Allerwertesten. “Steh mal auf”, sagt sie, denn trotz aller heimlichen Freude über die frohe Botschaft ist nur wenig von der Tiefenentspannung des frühen Morgens übrig geblieben. “Zeit, den Hintern zu lüften. Wir fahren in die Stadt, vielleicht in euer Kaufhaus, wir brauchen ein Bett, eine neue Matratze, wir kaufen dir neue Hemden, ich mag die alten nicht! Und einen chicen Strampelanzug, denn deine Tochter wird vom ersten Tag an perfekt durchgestylt sein. Wie die Mutter”, sagt Lou, reißt die Fenster auf und schiebt den Aschenbecher auf der Fensterbank zur Seite. Auch mit der Qualmerei ist jetzt Schluss. Prima! Und nachdem Nani sich den Schlaf aus den Augen gerieben hat und sich eine Weile Lous Worte durch den Kopf hat gehen lassen, lächelt er. “Du hast einen Test gemacht?”, fragt er, und Lou nickt. “Ich hab mit der schönen Maria gefrühstückt”, sagt sie. “Und die hat es sofort gesehen.” Und auch wenn Nani, der mit einem Male hellwach ist, der schönen Maria jede Weisheit zutraut, schließlich ist sie eine kluge Frau, vor der jeder, wirklich jeder, selbst Max, höchsten Respekt hat, bleibt er in diesem speziellen Fall ein Zweifler. Der aufgeklärte Geist glaubt eh nichts und nie. Oder vielleicht doch. Der Technik glaubt er alles. 
Also steht Nani auf, zieht sich an und besorgt mit Charlie, der für einen späten Morgenausflug immer zu haben ist, in der nächsten Apotheke glaubwürdiges Hilfsmittel zur Wahrheitsfindung.
“So”, sagt er dann, “schieß los!” Und aus Vorsicht oder Aberglauben, legt er Lou vier Schwangerschaftstests auf den Waschtisch. Schließlich werden sie, sollte alles nach Plan verlaufen, bald schon zu viert sein. Und Lou hält kommentarlos jeden einzelnen der vier Stäbchen unter den Strahl und betrachtet mit schräg gelegtem Kopf Nani, der seinerseits misstrauisch beobachtet, wie sich auf jedem einzelnen eine breite zweite blaue Linie bildet. “Und?”, fragt Lou, “glaubst du’s jetzt?” “Die Murmel hat getroffen”, sagt Nani zufrieden und strahlt, als hätte er gerade ganz allein Großartiges geleistet. “Du musst zu einem Arzt gehen”, stellt er dann das Offensichtliche fest und fährt sich mit der Hand zufrieden über das rasierte Haar. Denn letztlich ist auch ihm klar, dass so ein Volltreffer nicht mehr ist als der Auftakt vom Ganzen. “Ja”, sagt Lou. “Aber erst will ich einen zweiten Eiskaffee. Und shoppen. Ein großes neues Bett. Und neue Hemden für den Papa in spe. Und Stichwort Papa. Ich will, dass du mich deinem Vater und deinem Bruder vorstellst, sie gehören schließlich auch zur Familie.” Und Nani betrachtet die schmale Frau vor sich, die soeben die Befehlsgewalt übernommen hat. Und nicht aussieht, als dulde sie Ungehorsam. Und er malt sich aus, wie es seinen Vater treffen wird, wenn er ihm Lou, die schöne, kluge Schwiegertochter vorführt, die ihm den ersten Enkel schenken wird. Gut, es wird eine Enkelin, wie Nani sich das wünscht, da ist er sich sicher, auch wenn er dafür noch keine Beweise in Händen hält. Aber immerhin - was er, der verstoßene Sohn, da im Eiltempo mit der schönsten und klügsten Frau, die ihm jemals begegnet ist, geleistet hat, das muss ihm Fabrice, Papas kleiner Liebling, erst mal nachmachen. “Jawoll, Frau Lambert! Zu Befehl, Frau Lambert!
, sagt er und führt zum Zeichen der Ehrerbietung die rechte Hand an die Schläfe. Dir gefallen meine Hemden nicht?”, fragt er dann verlegen. “Mein Spinner”, sagt Lou großzügig, greift ihm um den Hals, zieht ihn zu sich herunter und küsst ihn.      


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