Mittwoch, 31. Juli 2013

Das Geschäft


“Mal überlegen”, sagt Isa. Schließlich war die ganze Clique um Max einige Jahrgangsstufen über ihr. “Clique?”, fragt Lou, und Isa nickt. “Ich glaube, Max war immer der Chef -” “Der Boss”, berichtigt Lou, denn so nennt ihn Nani. Und der sollte es wissen. “Also, wenn du’s eh besser weißt”, sagt Isa verstimmt, und Lou hebt beschwichtigend die Hände. Schon gut. Red weiter.
“Ich glaube, Max war also immer: Der Boss”, beginnt Isa daraufhin erneut. “Der hatte immer Leute um sich rum, die was für ihn vertickt haben, denn er selber wollte bestimmt nicht von der Schule fliegen.” ’Laufburschen’, denkt Lou. “Zeugs zum Rauchen? Das haben die auf dem Schulhof verkauft?”, hakt sie nach. Isa schüttelt den Kopf. “Nee, nicht auf dem Schulhof. Aber um die Schulen rum, glaub ich. Und was genau deren Sortiment war ...” Isa gibt sich unwissend und hat tatsächlich keine Ahnung, schließlich hatten die chicen Primaner nicht einen einzigen Blick für die kleinen Mädchen übrig, von denen sie aus der Ferne angehimmelt wurden. Frisches, zartes Gemüse, dessen Schwärmerei im jugendlichen Mannesalter einfach nur lästig statt eines zweiten Blickes wert ist. Denn unnütz ist unnütz. Scharfsinn der menschlichen Evolution.
‘Dealer also’, denkt Lou, die ihre Finger generell von Drogen fernhält. Gut, Genussmittel wie Tabak und ein paar Gläschen Prickelwasser haben ihr noch nie geschadet, aber es war auch nicht schwer, jetzt - da sie schwanger ist, umgehend damit aufzuhören. Und sie hat sich - das ist noch gar nicht so lange her - enorm gelangweilt mit einem Typen, den sie erst für originell und später für debil hielt, bevor sie gemerkt hat, dass er einfach nur ständig zugedröhnt war. Und sie mag es auch nicht, wenn Nani seine Pillen einwirft. “Gegen die Schmerzen”, sagt er auf ihren vorwurfsvollen Blick, aber Lou weiß genau, dass er die auch schon genommen hat, bevor Max Laufburschen ihn zusammengeschlagen haben. “Und Nani?”, fragt Lou. “War der auch …?”
“Einer von Max Leuten?”, Isa zuckt wieder die Achseln. “Es gab mal ziemliches Gerede - wegen Noten. Nani soll Max Arbeiten geschrieben haben. Hat damals einen riesigen Aufstand gegeben. War ja auch blöd, erkennt man ja an der Handschrift, wenn die das einfach nur austauschen. Da ist Max dann sitzen geblieben. Und!”, Isa grinst, “dein Mann Nani dann auch. Muss ganz schön hart für ihn gewesen sein - es mit all den Einsern noch zu schaffen, ne Ehrenrunde zu drehen.” Und Lou ist baff, was findet Nani nur an diesem Max. Was ist das bloß für eine Freundschaft.
“Und dann ist einer von denen an einem Morgen aufs Dach geklettert und runtergesprungen”, sagt Isa, deren Gedächtnis langsam in Fahrt kommt. “Wir standen alle auf dem Schulhof und sollten in die Klassen gehen. Hat aber niemand gemacht. Logisch. Und der Direx hat dann in einem Fenster ganz oben gestanden und versucht, mit dem zu reden. Hat sich aber nicht getraut, höher zu klettern. Tja. Und dann ist der gesprungen. Und es war totenstill! Und er ist in einem Busch gelandet. Haben erst alle gedacht, er hätte das überlebt. Aber. Er war dann trotzdem tot”, sagt Isa. “Das war schlimm”, sagt sie. “Und dann gab’s Ärger. Von wegen - traumatisiert. Und alle, die wollten, durften zum Schulpsychologen. Und als der den ersten Traumatisierten ein paar Tage frei gegeben hat”, Isa grinst, “da wollten alle zu ihm und beurlaubt werden.” Lou wirft Isa einen vorwurfsvollen Blick zu, woraufhin diese betreten schweigt. Aber nun. Der eigene kleine Vorteil - wie oft geht er über Leichen.
“Und der, der gesprungen ist, der gehörte zu Max Truppe?”, fragt Lou. “Hmm, ja”, Isa nickt. “Und die hatten dann auch richtig Ärger. Die hat man dann wochenlang nicht gesehen. Wurden von der Polizei verhört. Musst du mal Nani fragen.”
‘Besser nicht’, denkt Lou, nickt aber zustimmend. “Okay. Und jetzt? Max hat doch studiert. Und er hat die Bar.”
“Und den Club. Und er ist Geschäftspartner von dem Typ, dem der Fußballverein gehört”, Isa nickt beeindruckt. “Ich glaube, eigentlich weiß niemand so genau, wie Max das gemacht hat.” Und mit dieser Einschätzung liegt sie gar nicht so falsch. Denn nach dem traurigen Absprung eines Kameraden, der sich als Ratte herausgestellt hatte und seinen Abgang so theatralisch zelebrieren musste, trat Maxime Arras zu seinem großen Ärger zum ersten Mal in ernsthaften Kontakt mit der Polizei. Und wurde zunächst vom Unterricht suspendiert, um dann nach den großen Ferien der Schule gänzlich den Rücken zuzukehren. Denn - zuweilen ist das Schicksal eben gnadenlos. Und in diesem unheilvollen Sommer segnete ganz unerwartet auch Max Vater bei einem Jagdunfall in den Abruzzen das Zeitliche. Dabei hatte er selbst ein in Italien für die Schwarzwildjagd nicht ganz legales Kaliber ins Land eingeschleust, um dann unglücklich seinem guten Freund Rico in einem ungünstigen Moment vor die Flinte zu laufen. Und die Patrone mit dieser ungeheuer präzisen Flugbahn pustete ihn um, richtete verheerenden Schaden an, und Arras sen. klappte kurzerhand weg. Und kam auch nicht mehr - Waidmanns Dank! - zu sich, bis ein Chirurg in einer Not-OP endgültig seinen Tod feststellte. Die daraufhin eingeleiteten Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung wurden bereits nach einigen Wochen von der italienischen Polizei eingestellt. Was dort im Wald bei der Jagd auf Wildschweine geschah, war. Nichts. Als ein Unglück.
Bestimmung. Und allein in der Fähigkeit zur Anpassung an die Vorsehung liegt die Stärke. Und die führte dazu, dass der junge Maxime ohne Zögern den Waffenhandel seines Vaters übernahm. Und sehr erfolgreich in den gerade beginnenden Internethandel einstieg. Und - wie auch immer - neben dem Fernkurs-Abitur eine Menge Kohle scheffelte. ‘Drogen und Waffen,’ denkt Lou. ‘Und ein Freund mit Superhirn. Und fotografischem Gedächtnis. So hast du’s also gemacht?’
“Sag mal, kennst du eigentlich diese Mimi?”, fragt sie dann. Und Isa nickt. “Mit der hat er was seit der Schulzeit . Ganz große, komplizierte Liebe.”
“Echt?”, sagt Lou, “Große Liebe? Große Hupen wohl eher. Und ich fand, sie sieht eigentlich ziemlich dämlich aus. Und als ich letztens bei ihm war, hat Max sie gerade rausgeschmissen”, sagt Lou, und Isa legt den Kopf in den Nacken und schaut ihre Freundin mit einer hochgezogenen Braue an. “Sag mal. Bist du etwa auf sie? Eifersüchtig?”



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