Montag, 1. Juli 2013

Das Casino


Nach gut eineinhalb Wochen Flittern, die sie größtenteils am Südpol, in intensive Nahkampfgefechte vertieft, verbracht haben, nach eineinhalb Wochen, in denen es wegen engagierter bilateraler Achtsamkeit lediglich zu einem einzigen heftigen Stimmungsgewitter kam, schlägt Nani an ihrem letzten Abend an der Küste vor: “Lass uns unter Leute gehen.” Und da sein Redebedürfnis zuweilen durchaus ein eingeschränktes ist, und Lou sich gern unter Menschen mischt, hält sie den Vorschlag für einen guten. “Zieh dir was an”, sagt er, “wir gehen ins Casino.” Und Lou erhebt sich von der Liege, wirft einen Blick auf das Meer, in dem die Sonne unterzugehen scheint, zieht sich etwas an, etwas Kurzes, und Nani pfeift anerkennend durch die Zähne, und sie schlendern Hand in Hand zum Casino.
Lou trägt ein schlichtes Kleid in Rosé, ein paar Pailletten, hochgeschlossen, rückenfrei, ihr Haar hochgesteckt. Sie schwebt an seiner Seite, schwebt zwischen den Tischen, nippt an ihrem Champagnerkelch, legt den Kopf leicht zur Seite, wenn sie lacht. Und Nani - wie immer verhält er sich zunächst zurückhaltend, beobachtet, denkt. Dann setzt er sich an einen Tisch und gewinnt die nächsten Partien, er nickt. Und Lou steht lächelnd hinter ihm, die Hand - federleicht auf seiner Schulter.
Bis sie ihm etwas ins Ohr flüstert, um dann ganz allein durch den Raum davonzuschweben. Um dann - ein unachtsamer Augenblick, ein falscher Schritt - mit einem anderen Spieler zusammenzustoßen. Ein smarter Typ, der Lou in die Augen schaut, als würde er sie sofort erkennen. “Nur eine Sekunde noch. Verraten Sie es mir nicht”, sagt er. “Aber,” seine Hand an seiner Stirn. “Sie kommen aus …”, er nennt den Namen einer Stadt. “Ich bin mir sicher”, sagt er und schaut sie fragend an. “Enttäuschen Sie mich nicht!”, sagt dieser Blick. “Na. Fast”, Lou lacht, legt den Kopf leicht zur Seite und fährt mit dem Zeigefinger auf einer imaginären Landkarte ein Stückchen weiter südwestlich. Er rät erneut, landet einen Treffer, Lou gibt sich beeindruckt, doch er begeht seinen Triumph betont lässig. Er lädt Lou auf ein Glas ein - “Auf den Erfolg”, sagt er vergnügt. “An diesem wunderschönen Sommerabend”, und er schaut Lou in die Augen, und sie lehnt ab. Aber das geosoziale Orakel gibt nicht so schnell auf, es scherzt ein wenig, erzählt von seinem Faible für Ortung, will sich aber nicht in die Karten des Erfolgs schauen lassen. “Jede Stadt hat einen besonderen Stil”, beteuert er. “Und wer so elegant wie eine Meerjungfrau durch den Raum schwebt. Nun, da gibt es nicht viele Möglichkeiten. Das ist Erfahrung”, behauptet er selbstgewiss. “Und Gespür. Natürlich.” Und Lou, die oft umgezogen ist, widerspricht ihm nicht. Gerade als er sie erneut in Richtung Bar verführen will, spürt sie eine Hand. Fest auf ihrem nackten Rücken, sie lächelt und dreht sich zu Nani. “Ich denke, wir wollten gerade gehen”, sagt der und wirft dem anderen einen Blick zu. Dann führt er Lou an ihm vorbei, rempelt ihn mit der Schulter an. “Verflucht”, sagt der
, “was soll denn das?”, und dreht sich zu ihnen um. “Verflucht”, denkt Lou, “halt bloß die Klappe”, und sie fasst nach Nanis Hand. Der aber schüttelt sie ab, tritt einen Schritt zurück, dehnt kurz seine Halsmuskulatur, die Schultern, lächelt freundlich und fällt dann sein Gegenüber mit einem einzigen Schlag von den Beinen. Und Lou beißt sich auf die Lippe, und in einer zweiten Rempelei ziehen der Manager des Casinos und sein dezent auftretender Deeskalations-Trupp Nani fix aus dem Verkehr. Und weil hier alles seinen ordentlichen und offiziellen Gang geht, verbringt Lou den Rest des Abends zunächst mit einem höflich missgelaunten Manager und dann mit der Polizei. Bis ihr ein Gedanke kommt und sie eine Nummer wählt, bis Fabrice, den sie aus dem Bett geklingelt hat, mitten in der Nacht einen Anwalt ein paar Anrufe tätigen lässt, bis der Name Lambert fällt - die Lamberts - die Lamberts mit den Kaufhäusern. Und als Lou sich auch noch - kaum steht er wieder in der Senkrechten - bei dem Ich-Weiß-Wo-Du-Wohnst-Kompendium mit all ihrem Charme entschuldigt, und er umgehend auf jedwede Anzeige verzichtet - “Alles nur ein Missverständnis, ein ganz dummes” -, lässt man sie gehen. Und Nani hält Lous Hand, als sie schweigend die Promenade entlang zurück zum Hotel schlendern, als sei nichts geschehen. Bis zu dem Moment, als Lou sagt: “Das war richtige Scheiße.”
“Da hast du recht”, stimmt Nani ihr zu und drückt ihre Hand fester in seine. “Das war so was von Superscheiße”, sagt er. Nur dass es bei ihm weniger wie eine Feststellung als eine Drohung klingt.”




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