Sonntag, 7. Juli 2013

Das Biotop


Die Rückfahrt verläuft ohne besondere Vorkommnisse. Lou fühlt sich schlapp, sie döst die meiste Zeit. Und Nani, der früher so gern Rallye mit seinem Freund Kiwi gefahren ist, beweist heute, dass er auch problemlos höchstes Gefahrgut transportieren könnte. Selbst beim Spurenwechsel ist er umsichtig, schert ruhig aus, hält die gesamte Zeit ein Auge auf Lou, erinnert sie alle halbe Stunde an ihre Tablette, versorgt sie mit Zwieback an der Raststätte, einer heißen Brühe aus dem Automaten. Die ist allerdings so ungenießbar, dass sie sie im Mülleimer entsorgen müssen. “Sonst wird uns beiden noch übel”, sagt Nani und zuckt die Achseln. Und Lou ist glücklich, denn gerade in diesem Moment, nach dieser Nacht - sieht man es denn nicht? Sie hat den besten Mann der Welt geheiratet.
Da sie erst spät losgekommen sind und mit vielen Pausen langsam unterwegs waren, geht schon fast die Sonne unter, als sie in der Stadt ankommen. Lou ist blass, aber sie lächelt, als Nani sie fragt, ob er die Braut nach oben tragen soll. “Über die Schwelle”, sagt er. “Wie es sich gehört!” Aber Lou fühlt sich gar nicht so schlecht, sie hat eine halbe Packung Zwieback weggemümmelt und stiefelt lieber selbst die Treppen hoch, über die Schwelle. Und Nani kümmert sich, kümmert sich um Lou und um Charlie, kümmert sich um das Gepäck, und steht dann beim Chinesen im Imbiss und erklärt der kleinen Frau hinter dem Tresen: “Für eine Kranke”, er grinst. “Vielleicht ist sie auch nur schwanger”, fügt er an, und die Chinesin nickt wissend mit großen Augen, dreht sich um und erklärt sehr zielstrebig dem Koch, was es zu tun gibt. Der nickt und macht sich an die Arbeit. Und so kann Nani eine gute halbe Stunde später ‘leichte kräftigende Suppe mit Huhn’ servieren. Und ‘leichte kräftigende Suppe mit Huhn’ ist das Beste, das Lou je gegessen hat. Sie sitzt am Fenster, löffelt ihre Suppe und schaut über die Stadt. Alles könnte so perfekt sein. So einfach. Ein Biotop. Das bedeutet? Im engsten Sinne: Lebensraum einer einzelnen Art = zwei Liebende. Zum Beispiel. Oder: Lebensraum, der eine Lebensgemeinschaft beherbergt = eine funktionierende, schützenswerte Gemeinschaft, die mehr als die Zahl Zwei umfassen sollte. Alle anderen, die das Gleichgewicht in Gefahr bringen, müssen draußen bleiben. Das Dumme daran ist nur: So simpel die Theorie, so problematisch ihre Umsetzung. “Ich hab noch fast drei Wochen Ferien”, sagt Lou, und Nani nickt. “Da bleibst du bei mir? Wir könnten Ausflüge machen, bisschen was für die Wohnung kaufen, vielleicht ein paar Tage runter zu meinem Vater fahren?” Lou wäre jedes Mittel recht. Und Nani, der am Tisch vor einem Teller Nudeln sitzt, nickt - geistesabwesend. Und schweigt. Dabei weiß er genau, um was es ihr geht, und wie wichtig ihr das ist. Aber egal. Bekommt man nicht immer, was man verdient? Und selten, was man will. 
Und dann klingelt es, und Nani schaut Lou an, und Lou schaut Nani an, und er zuckt die Achseln, steht auf, verlässt den Raum und geht zur Tür. Und Charlie ist hin- und hergerissen, als treue Seele muss er seinem Herrchen folgen, als kluger Hund behält er lieber den Teller mit den Nudeln im Auge, denn jedes Tier, das einmal im Tierheim gesessen hat, weiß, wie wichtig Fressen im Überlebenskampf ist. Und dann hört Lou ein paar Stimmen und darauf ein paar Geräusche und sie stellt ihre Suppe auf den Tisch, schiebt Nanis Teller ein Stück zur Seite und droht Charlie: “Wehe!”, sagt sie und gibt ihm einen Stupser auf die Nase. Dann geht sie in den Flur, und dort steht ein Polizist, und im Türrahmen stehen ein zweiter und ein dritter Polizist und ringen mit Nani. Und werden ihn mitnehmen. Weil er sich ihrer kleinen Unterhaltung widersetzt hat, wegen eines tätlichen Angriffs auf einen Vollstreckungsbeamten, von dem Lou nichts mitbekommen hat, das kann sie bezeugen. Lou schüttelt den Kopf. “Worum geht es denn eigentlich?”, fragt sie. “Es ist alles geklärt”, sagt sie, weil sie naiv ist und an den Vorfall im Casino denkt. Und weil Lou nun Ehefrau ist und Rechte hat, geht der Polizist, der ihr im Flur gegenübersteht, auf ihre Sorgen ein. “Eigentlich”, sagt er, “wollten wir nur kurz mit Ihrem Mann sprechen. Es ist alles ganz harmlos. Man will ihm nur ein paar Fragen stellen. Machen Sie sich keine Sorgen.” “Um was geht es?”, fragt Lou und schüttelt den Kopf, als er ihr andeutet, um was es geht. “Unmöglich”, sagt sie. “Das ist unmöglich.” “Nun”, sagt der Polizist, der versucht freundlich zu sein. “Sie wissen bestimmt, dass Ihr Mann bereits vor einigen Jahren angeklagt wurde.” Und Lou nickt, Isa hat ihr schließlich davon erzählt: “Aber als er in den Knast kam, - da hat sein Vater ihn vor die Tür gesetzt …”, hat Isa gesagt. Und Lou hat nie, niemals mit Nani darüber gesprochen. Natürlich nicht. Wozu denn? Sie muss das nicht wissen. Und sie will das nicht wissen. Der Polizist sagt es ihr trotzdem: “Angeklagt wegen: Einbruchs, Freiheitsberaubung, illegalen Waffenbesitzes und schwerer Körperverletzung.” Lou schaut zu Nani, der seinen Widerstand, seit sie aufgetaucht ist, aufgegeben hat, und er schüttelt den Kopf. Und Lou, die Gangsterbraut, nickt. Schaut den Polizisten an und lächelt. “Ja, sicher”, sagt Lou. “Deshalb wurde er angeklagt. Aber so war es ja nicht.”




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