‘Hüte dich vor dem Trickster, denn wen der Trickster ins Visier nimmt, dem widerfährt nur das Schlimmste!’ So ungefähr erklärt eine Figur in “Nachtschrei” die enorme Pechsträhne, die so ziemlich alle Figuren in einer langen Nacht erleiden werden - der Trickster treibt seine Spielchen. Eigentlich ist es Deputy Brynn McKenzies freier Abend, als man sie zu einem Einsatz ordert, um einen Notruf routinemäßig zu überprüfen. Sie fährt los, und obwohl der Sheriff die Aktion abbricht, schaut sie doch noch kurz bei dem abgelegenen Ferienhaus vorbei, findet zwei Tote und trifft auf eine unter Schock stehende Zeugin des Doppelmords. Da sich auch noch die beiden verqueren Mörder auf dem Gelände herumtreiben, quält sich Brynn bald nicht nur mit einem ausgeschossenen Backenzahn - nein, sie muss viel schneller als gedacht um das nackte Überleben kämpfen und flieht mit der Zeugin in die sie umgebende Wildnis auf eine lange Schlamm- und Kletterpartie. Zunächst muss die Provinzpolizistin zwar die aufgelesene, quengelige Großstadt-Göre in ihren todschicken Ferragamos etwas zurechtstutzen, doch dann sind die beiden Ladys eigentlich recht flott unterwegs. Die zwei sie jagenden Mörder jedoch folgen ihnen auf Schritt und Tritt und durchschauen sämtliche ausgebufften Tricks der in zahlreichen Fortbildungskursen wie für so eine verhängnisvolle Nacht geschulten Polizistin.
Manchmal braucht es nur einen kleinen, niederträchtigen Impuls des Schicksals, schon streift sich der behütende Harnisch der Zivilisation wie von selbst ab und übrig bleibt nichts als das wilde Tier, das mit Klauen und Zähnen sein Leben verteidigen wird. Jeffery Deaver schreibt sich allerdings mit “Nachtschrei” nah an eine Parodie auf das unerwartete, urplötzliche Herausfallen aus der Zivilisation, auf den puren Überlebenskampf heran. Die Gruselatmosphäre will nicht gelingen, die Logik stolpert zunächst holprig vor sich hin, bevor sie gänzlich flöten geht, und der Überlebenskampf gerät zu einer bizarren Verzerrung, zu einem Duell zweier wenig überzeugender Masterminds. Dabei setzt der Autor vor allem auf seine bekannten, zumeist cleveren, aber berechenbaren Twists, um auch ja den letzten Clou aus der Story herauszuholen. Das zumindest ist ihm gelungen, doch hat sich der Speedmaster hier gewaltig in der XXL-Version vertrickstert. Schade.
Jeffery Deaver: Nachtschrei. (The Bodies Left Behind, 2008). Roman. Deutsch von Thomas Haufschild. München: Blanvalet 2010. 509 Seiten. 9,95 Euro.
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