Dienstag, 18. Mai 2010

Feierabend


Stattdessen.
Liest sie den Artikel, den er ihr in Mikroschrägschrift ausgedruckt hat, konzentriert sich bedenklich auf die windschiefen Buchstaben und lässt dem Leseeindruck murmelnd freien Lauf.
‘Mhmmm. Is irgendwie… Na.
Nich so gut geworden.’
‘Ach, so!’ Da brenzelt es bereits im jenseitigen Stimmorgan.
Sie überdenkt, verflucht und räuspert sich gründlich.
‘Is ja aber nur der erste Eindruck.’
‘Ookayy’, gegenüber streckt sich einer zu voller Größe. ‘Der zählt aber, der erste Eindruck…. Und was also passt nicht?’
‘Naja’, sie imitiert kurz angestrengtes Nachdenken. Doch dann rutscht der zweite folgenschwere Fehler nach…
‘Also, als erstes…’
‘Als erstes?’ Die Stimme vis-à-vis behält den scharfen Klang bei.
‘Yep.’ Nun müsste sie sich elegant durch das sich zusammenbrauende Unwetter manövrieren.
‘Zunächst also heißt die Band ja doch anders. Is bloß falsch geschrieben. Tippfehler. Die sind für ihre Fans ja nich die Ergos, sondern die Egos.’
‘Quatsch. Das hab ich dreimal geschrieben, das ist kein Tippfehler, das ist aus der Pressemitteilung zitiert.’
‘Tja. Bleibt aber dennoch verkehrt.’
Auf der anderen Tischhälfte wird heftig in den Computer eingehämmert. Werden Fakten überprüft. Dann wird der Text geändert und erneut abgespeichert.
‘Und! Was noch?’, hallt es herüber. Der Tonfall verheißt Übles. Die erbetene Vorab-Kritik wird nun allerdings geschliffen Kurs halten.
‘Hier,’ sie beugt sich über den Tisch und peilt eine Zeile auf seinem Bildschirm an.
‘Das ist eine völlig schwachmatische Schlussfolgerung.’ Sie lehnt sich zurück auf ihre sichere Seite der Arbeitstafel. ‘Und das sollten zumindest Leute mit Hirn sofort erkennen.’
Heftiges, lautstarkes Kontra folgt, in das er unflätige Flüche einbettet.
‘Hey. Das ist für Trutchen und Mutchen zum Überblättern geschrieben. Das liest doch fast kein Mensch. Das ist zum Schmunzeln gedacht!’
Daher weht jetzt also der Wind.
‘Ach so’, versetzt sie. ‘Und Trutchen und Mutchen, die ja eh nix kapiern, sollen also an völlig schief verdrehten Fehlinfos krepieren? Und dabei schmunzeln? Weil sie ja eh zu blöd sind?’
Zorn liegt in dem darauf folgenden Schweigen. Er googelt wieder.
‘Nein,’ tönt dann die erboste Antwort.
‘Doch,’ dröhnt es von ihrer Seite. ‘Is ja auch egal. Hauptsache der Schmunzel-Überblätter-Faktor bleibt. Ja? Wobei,’ nun lehnt sie sich wirklich weit voraus, ‘schmunzelig ist an Brandstiftung ja nich so viel. Und an den wilden Spekulationen erst recht nix.’


Und.
Damit war der Abend aber gelaufen.
Selbst für den Layouter, der leise, jedoch durchaus vernehmlich alle Schreiberlinge verfluchte, während er die gesamte Seite für die umgemünzte Glosse und den taufrisch gedeichselten Artikel neu spiegelte.


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