Jedes Jahr erwischt es ihn kalt und aufs Neue. Der Wintereinbruch. Ein scharfer Nordostler, unerwarteter Hochnebel, deftiger Temperatursturz! Und was fehlt? Die warme Winterjacke. Chic und trendy sollte sie sein, geräumig und praktisch, etwas zum Überziehen.
Aber weil Shoppen bekanntlich nicht in die Gene des starken Geschlechts hineinmontiert wurde, zieht er für den Einkauf lieber nicht alleine los, sucht Begleitung und steuert sodann kompromisslos die Herrenabteilung an. Dort findet er umgehend auf dem dritten Ständer das Modell, das er seit Jahren trägt. Anprobiert - und alles klar- ein kurzsichtiger Blick aufs Spiegelbild bestätigt es. Fertig!Währendessen auf leisen Sohlen unerwartet angeschlichen der Herr Weise hinter uns steht. Ich identifiziere den Namen später über das schmale, wie kupferne Namensschildchen am Revers seines rostroten Sakkos. Zunächst nickt er uns über den Spiegel verständig zu: "Sehr leger." Er lächelt. "Etwas kurz eventuell," und schon zupft er gedankenvoll am Pullover des Kunden, der mindestens über zwei Handbreit unter der Jacke hervorlugt.
"Nun, ich könnte Ihnen etwas in sakkodeckender Länge präsentieren", schlägt er höflich vor. Da mein Begleiter nun ebenfalls seine volle Aufmerksamkeit auf seinen offensichtlich viel zu langen Pullover gerichtet hält, den er versucht in einem wuchtigen Wulst unter der viel zu kurzen Jacke verschwinden zu lassen, sucht Herr Weise meinen Blickkontakt. Warum nicht mal ausprobieren, 'sakkodeckende Länge! Das klingt gut.' Serviceorientiert scheint Herr Weise meinem inspirierten Gedankengang zu folgen und fügt schlüssig an: "Selbst für formlosere Anlässe verdeckt es ja auch einen längeren Pullover." Längentechnisch überzeugt das. Und das raune ich auch meinem inzwischen offensichtlich noch missgelaunteren Begleiter zu. Ich finde überhaupt, wir sollten die Angelegenheit etwas lockerer angehen, das murmel ich auch - in schärferem Tonfall. Aber fast lautlos.
"Hier hätten wir beispielsweise eine Funktionsjacke. Die ist genau das, was Sie suchen," betont der freundliche Herr Weise, der inzwischen lautlos durch den Raum zu uns verdrossen Tuschelnden zurückgeschwebt ist. Über seinem Arm stapeln sich mehrere Jacken - augenscheinlich unterscheiden sie sich in Modell wie auch in Farbe. "Was ist das genaue Gegenteil einer Funktionsjacke?", will mein Begleiter ungelaunt von mir wissen. Diese Frage wird mit einem lebenserfahrenen Lächeln vom Kundendienstler Weise überhört. Der wohlgeschulte, ältere Herr ist nun in seinem Element: "Hier haben wir eine wundervolle Two-In One-Jacke mit Take-Off-Kapuze. Und..." Er breitet das knifflige Teil vor uns auf einem Ständer aus, "das Fleece-Teil mit dem weichen Kragen ist natürlich auch als Solist tragbar."
Okay. Wir werden eingeschüchtert. Alle Blinklichter sind in Alarmbereitschaft versetzt, ein verstohlener Seitenblick auf meinen Begleiter bestätigt den Eindruck. "Sie kaufen also wirklich einen Two-In-One!" Der Herr Weise bekräftigt nun - und sicherlich tut er nur das, was er tun soll. Er ist ein guter Schauspieler oder die Arbeit macht ihm tatsächlich Freude?
Der Begleiter indes gebärdet sich weniger geschult und bezweifelt entschieden, dass er jeden Morgen neu überdenken möchte, was er wohl von seiner Jacke alles mitnehmen, überziehen oder im Haus lassen will.
Aber gut. Über manch konfliktgeladenen Einwand lässt sich besser hinwegreden: "Bei den dichten Oberstoffen haben Wind und Regen absolut keine Chance. Hier - " nun schichtet unser winterbejahender Verkäufer die gestapelten Jacken um, "hätten wir noch eine sehr wertige Bonding-Jacke mit besonders bequemen Schubtaschen... Oder vielleicht Micro-Velours?"
Ein fragender Blick richtet sich auf mich?
Verstörte Kunden schweigen. Und nicken vielsagend.
"Sehr praktisch wäre da auch das Field-Jacket. Das ist übrigens aus unserem Angebot." Nun zieht der Herr ohne Erbarmen ein anderes Modell aus dem Stapel. "Mit Zwei-Weg-Taschen."
"Zwei-Weg? Einer rein, einer raus? Bondage-Jacken?" Sagt mein Begleiter später, seine alte Winterjacke, die er schon voriges Jahr trug, hat er achtlos über die Stuhllehne geworfen. Wir sitzen beim doppelten Espresso - meinerseits völlig entspannt - im Café.
Neben mir stehen drei Einkaufstüten, denn eigentlich ist Shoppen ja eine reichlich unkomplizierte Angelegenheit. Und gleich, denke ich, und davon weiß mein Gegenüber noch nichts, kaufen wir das chice Field-Jacket aus dem Angebot. Das mit den Zwei-Wege-Taschen, und zwar in dem dezenten Dunkelkhaki.
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