
Nomen est omen? Nun, der eine, Inspector Gently, ist ‘edel, sanft und gut’, während der andere, Sergeant John Bacchus, kraft seiner Dienstmarke fröhlich hemmungslos gewissen Exzessen frönt. Zwar ist er eigentlich ein konservativ-biederer junger Mann, doch Einschüchterung von Befragten, persönliche Feldzüge gegen alte Bekannte, ein Schlag in die Visage, manipulierte Aussagen und Beweise - fast alles ist dem Jungspund zuzutrauen. Wieso der erfahrene Inspector sich ausgerechnet Heißsporn Bacchus als Partner wählt und wie das ungleiche Gespann sich mehr oder weniger arrangiert, erzählt die Serie
George Gently. Der Unbstechliche.
Die erste Staffel lief erst vor wenigen Monaten im ZDF und liegt nun bereits mit drei Fällen als DVD-Box vor. Sie überzeugt durch das ungleiche Ermittlerpaar, hervorragende Darsteller und mal mehr, mal minder spannende Fälle.
Vor allem hebt sich die Serie vom allgemeinen TV-Kimi-Allerlei durch ihre Zeitreise in die Vergangenheit ab, ermittelt wird nämlich in Großbritannien im Jahre 1964. Detailverliebt und mit viel Sorgfalt wurde der Retro-Look in Szene gesetzt: prächtige Automobile, netter Biedermann-Charme, der bis zum Zopfmuster in der salopp getragenen Strickjacke perfekt eingefangen scheint. Doch so nett wie es aussieht, ist es 1964 gar nicht. Die Jugend beginnt zu rebellieren, hört dazu wilde Musik und bereitet sich auf eine sexuelle wie soziale Revolution vor, um dem piefigen Leben ihrer Eltern zu entkommen. Die Polizei wird immer korrupter, stark ansteigende Drogenkriminalität, die die Gesetzeshüter nicht in den Griff bekommen, verunsichert die Bevölkerung. Die Todesstrafe wird immer noch praktiziert. Und es soll noch Jahre dauern bis zaghafte Versuche des Parlaments z. B. Homosexualität zu entkriminalisieren, tatsächlich zu ernstzunehmenden Resultaten führen.
Zeit also für den legendären Inspector George Gently, Ordnung im System zu schaffen.
Dabei wollte Gently sich eigentlich nach seinem desillusionierenden Vorgehen gegen korrupte Kollegen bei Scottland Yard und der Ermordung seiner Frau pensionieren lassen und dem Bösen den Rücken kehren. Doch dann reist er in die Provinz, nach Durham, Northumberland, um einen eher unspektakulären Mord an einem jungen Biker zu untersuchen. Oder ist Gently in ganz eigener Sache unterwegs? Vorurteile, Korruption, Loyalität, Moral, Professionalität sowie Selbstjustiz bestimmen vielschichtig diese Pilotfolge.
Zum ersten Mal trifft Gently auf den stolzen Besitzer eines babyblauen Sportflitzers, auf Sergeant Bacchus, und die erste Begegnung verläuft alles andere als viel versprechend. Dennoch ermittelt man unter letztlich beiderseitigem Vorbehalt gemeinsam - im Milieu einer Motorradgang, die eventuell im Drogenhandel tätig ist, und deren Mitgliederzahl sich durch häßliche Morde stark dezimiert. Während der Fall für den Zuschauer recht bald durchschaubar ist, bietet Kalte Rache dennoch feinste Unterhaltung. Das liegt vor allem an den zwei Protagonisten, die in der gar nicht so ungewöhnlichen Konstellation - erfahrener Vorgesetzter und ungestümer Co-Pilot - blendend aufspielen. Martin Shaw, der vielen aus der Kultserie Die Profis als Doyle bekannt sein dürfte, mimt hier den ruhigen, überlegenen Gently von brillant zurückhaltend über väterlich gutmütig bis fürsorglich herablassend. Um - ist das eventuell eine kleine Reminiszenz an die actionreichen Profis? - zwischenzeitlich ordentliche Haken auszuteilen; natürlich nur, sofern es sich geziemt.
Lee Ingleby weiß der durchtrieben simpel gezeichneten Figur des Sergeant Bacchus in jeder Facette einen ganz eigenen Reiz zu verleihen. Der junge Sergeant will die Provinz verlassen und schnellstmöglich in London Karriere machen. Da trifft es sich gut, beim vermeintlich letzten Fall des legendären Gently Punkte zu sammeln. Leider stößt dieser geniale Plan bei Gently auf wenig Gegenliebe, denn Pluspunkte kann Bacchus mit seiner aufmüpfigen, protzigen, selbstgefälligen Art gewiss nicht einfahren. Voller Vorurteile, immer auf dem Kriegspfad , dafür bekannt, unüberlegt zu urteilen, scheint er ein miserabler Kriminalist, der lediglich mit seinen fixen Ideen und einem übergroßen Ego glänzt. Aber Ingleby spielt diesen Schnösel mit so viel Kleine-Jungen-Charme, mit solch spitzbübischer Naivität, dass der Zuschauer ihm auch die übelsten Ausrutscher verzeihen möchte. Der reizende Bub befindet sich auf Rüpelabwegen und muss schnellstens zurückgepfiffen werden. Das findet auch Gently und zieht Bacchus einige dicke Striche durch sein selbstsüchtiges Treiben und seine ebenso cleveren wie naiv skrupellosen Karrierepläne.
In der zweiten Episode, Der Verbrannte, scheint Harmonie eingekehrt. Herrliche Landschaften - gedreht wurde übrigens in Irland - in sattem Grün, farblich völlig harmonisch durchgestylte Szenen täuschen zunächst friedliche Eintracht vor. Als eine verbrannte Leiche entdeckt wird, und der vorlaute, verirrte Streber Bacchus glaubt, den Fall praktisch innerhalb kürzester Zeit vom Schreibtisch aus gelöst zu haben, verabschiedet sich nicht nur rasch das Bild von der vordergründig trügerischen Idylle.
Gently begegnet der verführerischen Diner-Besitzerin Wanda, während Bacchus kläglich bei seinem ersten Undercover-Einsatz scheitert. Der Inspector befürchtet Schlimmes, zumal der nicht vertrauenswürdige Commander Empton aus unklaren Motiven in Durham aufgetaucht ist. Und Gentlys nur bedingt loyaler Adlatus scheint schnell bereit, die Seiten zu wechseln. Der Knabe muss wieder an die rechte Arbeit gesetzt werden, ermittelt man doch offensichtlich in einem großen Fall von Waffenschmuggel der IRA.
Mit viel Atmosphäre, satten Farben, dezentem Spiel mit Licht und Kontrasten konzentriert sich die zweite Episode wesentlich stärker auf die Story, ohne die Ränke ihrer Protagonisten zu vernachlässigen. Mit vielen Rückblenden wird ein interessanter Fall leider nur mäßig spannend erzählt.
In der dritten und letzten Episode dieser Staffel, Die Schuld der Väter, besucht ein wohlhabender Deutscher ein kleines englisches Küstendorf. Hier war er als Kriegsgefangener vor 20 Jahren auf einem Bauernhof einquartiert. Doch trifft er nicht nur auf ‘Freunde’, denen er für ihr damaliges Verhalten dankbar ist, sein Auftauchen löst in der kleinen Gemeinde auch viel Hass gegen den ehemaligen, unterlegenen Kriegsgegner Deutschland aus. Was will der reiche Deutsche an diesem Ort, wenn nicht alte Wunden aufreißen? Und wer ermordet ihn kurz vor seiner Abreise?
Die Folge überzeugt vor allem durch bemerkenswert viele ‘glaubwürdige’ Tatverdächtige sowie durch zahlreiche, clever verschachtelte Wendungen.
Die Produzenten wie der Regisseur scheinen in der dritten Folge ihr Erzählkonzept, den ‘Ton’ der Serie, gefunden zu haben. Gemächlich verlässt man sich auf Story und Protagonisten und gönnt sich viel Zeit für lange Einstellungen, die durch detailgetreue Ausstattung sowie großartige Landschaft für perfekten (Retro-)Flair sorgen. Die Serie, die auf der literarischen Vorlage des Autors Alan Hunter basiert, besticht mit viel Ambiente, viel Spaß mit Bacchus und viel Zeitgeist. Ob die BBC-Produktion auch weiterhin mit raffinierten Fällen und einem sich stetig entwickelnden Ermittlerpärchen überraschen kann, wird sich zeigen.
3 DVDs
Studio: Edel Motion
Laufzeit: 270 Minuten
Darsteller: Martin Shaw, Lee Ingleby u. a.
Erscheinungstermin: 2009
Produktionsjahr: 2008
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